Alles unter einem Hut

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Von Tina Schreiber
Foto: © J.B. 

Um in­ter­na­tio­nale Er­fah­rung und in­ter­kul­tu­relle Kom­pe­tenz zu sam­meln, muss man nicht immer ein Aus­land­sprak­tikum in Sin­gapur oder Chile ab­sol­vieren. Es reicht an die Grenze zu schauen und dort sein Glück zu ver­su­chen. Seit über 30 Jahren ar­beiten Deut­schland, Fran­kreich und die Sch­weiz am Ober­rhein zu­sammen und bieten auch span­nende Prak­tika in vielen Be­rei­chen.

Es ist ein stür­mi­scher Früh­ling­smorgen, das zarte Grün an den Bäumen wird hin und her ge­weht, aber die jungen Blätter halten sich tapfer fest und trotzen dem Wind. Auf dem Rhein sind Wellen zu er­kennen wäh­rend er hinab in Rich­tung Karls­ruhe fließt. Die Mütze tief ins Ge­sicht ge­zogen, ver­kriecht Ju­liane sich so gut es geht in ihren Schal, als sie auf der Eu­ro­pa­brücke den Rhein über­quert. Es ist ein be­deu­tender Ort: 2009 hat sich hier der da­ma­lige franzö­si­sche Prä­si­dent Ni­colas Sar­kozy von der franzö­si­schen Rhein­seite zu Fuß kom­mend mit den an­deren NATO Mit­glie­dern da­runter der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Ba­ra­ckO­bama und die deut­sche Bun­des­kanz­lerin An­gela Merkel von der deut­schen Rhein­seite kom­mend ge­troffen. Heute merkt Ju­liane al­ler­dings nichts davon und ver­sucht nur so sch­nell wie mö­glich die an­dere Seite zu er­rei­chen.

Die 24­jäh­rige ist auf dem Weg zu ihrem vier­mo­na­tigen Prak­tikum, das sie in der Villa Rehfus in Kehl, di­rekt ge­genüber von Straß­burg auf der an­deren Rhein­seite, ab­sol­viert. Dort ar­beitet sie im Ge­mein­samen Se­kre­ta­riat der deutsch-franzö­sisch-sch­wei­ze­ri­schen Ober­rhein­kon­fe­renz, einer seit 1975 bes­te­henden Ins­ti­tu­tion am Ober­rhein, die sich für eine gute Zu­sam­me­nar­beit zwi­schen Deut­schland, Fran­kreich und der Sch­weiz auf Ge­bieten wie Um­welt, Kultur, Wirt­schaft, Ge­sund­heit, Er­zie­hung und vielen wei­teren ein­setzt. Hier im Dreilän­de­reck wird grenzü­ber­schrei­tende Zu­sam­me­nar­beit groß ges­chrieben und das Zen­trum heißt Kehl. Ju­liane stu­diert Franzö­sisch und Be­triebs­wirt­schafts­lehre an der Uni­ver­sität Mann­heim und ist durch Zu­fall auf dieses Prak­tikum im In­ternet ges­toßen: „Von meinem Stu­dien­profil her fand ich, dass es sehr gut passt und habe mich gleich be­worben.“ Und es hat gek­lappt.

Es geht um eine Ecke und schon steht sie auf dem Reh­fus­platz, an dessen Ende sich die schlichte Villa Rehfus be­findet. Sie war einst das Haup­thaus der ehe­ma­ligen Hut­fa­brik Rehfus, die 1867 von Lahr nach Kehl ver­legt wurde. Die Fa­milie Rehfus um Carl Rehfus, einem berühmten Sohn der Stadt, grün­dete die Hut­fa­brik. Seit über vierzig Jahren ist das Hut­tragen je­doch aus der Mode, wes­wegen die Hut­fa­brik schließen musste. Ei­gent­lich schade um die schönen Hüte, denkt Ju­liane, öffnet die Tür und kann end­lich dem kalten Wind ent­kommen. So­fort wird sie von Wärme und reger Be­trieb­sam­keit um­geben. Nach kurzer Be­grüßung der Mi­tar­beiter im Erd­ges­choss geht sie immer zwei Stufen auf einmal neh­mend die Treppe hi­nauf in den ersten Stock, wo sich das Ge­mein­same Se­kre­ta­riat der Ober­rhein­kon­fe­renz und somit auch das Büro des deut­schen De­le­ga­tions­se­kretärs be­findet. Hier hat sie ihren Ar­beits­platz und schaltet den Com­puter ein. Jetzt wird ihr langsam wieder warm. Auf drei Etagen sind Büros und Ver­samm­lung­sräume ver­teilt. Heute ist die Villa Rehfus ein Kom­pe­tenz­zen­trum für grenzü­ber­schrei­tende und eu­ropäi­sche Fragen. Sie ist Sitz ver­schie­dener eu­ropäi­scher Ins­ti­tu­tionen, wie IN­FO­Best, dem Euro-Ins­titut für re­gio­nale Zu­sam­me­nar­beit, dem Ge­mein­samen Se­kre­ta­riat der deutsch-franzö­sisch-sch­wei­ze­ri­schen Ober­rhein­kon­fe­renz, dem Zen­trum für Eu­ropäi­schen Ver­brau­cher­schutz e.V. und Eures-T-Ober­rhein, einer Or­ga­ni­sa­tion, die sich mit grenzü­ber­schrei­tender Ar­beit bes­chäf­tigt. Alle zu­sammen ar­beiten sie für eine bes­sere eu­ropäi­sche In­te­gra­tion im Herzen Eu­ropas. „Es ist immer auf­schluss­reich und er­wei­tert den ei­genen Ho­ri­zont, wenn man mit Men­schen an­derer Na­tionen zu­sam­me­nar­beitet. Man schult seine kul­tu­relle Sen­si­bi­lität.“ meint Ju­liane und beant­wortet die ersten e-Mails.

Ab­wechs­lung­sreichtum, Krea­ti­vität und Mehrs­pra­chig­keit zeichnen die Ar­beit in der Villa Rehfus aus und doch ist es nicht ein­fach alle unter einen Hut zu be­kommen. „Wir ma­chen auch Pro­jekte ge­meinsam mit der In­fo­best und der Tri­na­tio­nalen Me­tro­pol­re­gion Ober­rhein. Dazu ist es natür­lich sehr prak­tisch, ge­meinsam in einem Haus zu sitzen. Man tau­scht sich leicht aus und das tut der At­mos­phäre in der großen "grenzü­ber­schrei­tenden Fa­milie" gut. Man kann sich abs­timmen und Unei­nig­keiten und Dop­pe­lar­beit ver­meiden.“

Nach ei­nigen e-Mails und An­rufen in Fran­kreich und in der Sch­weiz hat Ju­liane wieder neue In­for­ma­tionen zu ihrem Pro­jekt die Ho­me­page der Ar­beits­gruppe Ge­sund­heit zu ak­tua­li­sieren, sam­meln können. Nun bietet sich die Mö­gli­ch­keit mit dem De­le­ga­tions­se­kretär den Stand ihrer Ar­beit zu bes­pre­chen und den wei­teren Tag zu planen. Beide müssen eine Sit­zung einer Ar­beits­gruppe der deutsch-franzö­sisch-sch­wei­ze­ri­schen Ober­rhein­kon­fe­renz am Nach­mittag im Sit­zung­sraum unter dem Dach der Villa Rehfus vor­be­reiten. Die Ober­rhein­kon­fe­renz bes­teht aus mehr als 600 Ex­perten aus allen drei Län­dern, die sich in ver­schie­denen Ar­beits­gruppen or­ga­ni­sieren und sich ent­lang des Ober­rheins in re­gelmäßigen Abständen treffen. Heute werden Teil­nehmer aus allen drei Län­dern er­wartet. Es sind krea­tive und en­ga­gierte Leute, die Spaß an der grenzü­ber­schrei­tenden Zu­sam­me­nar­beit haben und somit eine le­ben­dige und frucht­bare Zu­sam­me­nar­beit ermö­gli­chen.

Bis zur Mit­tag­spause werden noch zwei klei­nere Über­set­zungen er­le­digt und der Sit­zung­ssaal vor­be­reitet. Mit­ta­gessen gibt es in der Mensa der Hoch­schule Kehl, wohin Mi­tar­beiter der ver­schie­denen Or­ga­ni­sa­tionen in ge­mi­schten Grüpp­chen zu­sammen hin­gehen. Die warme Mütze kann im Büro bleiben. Der Wind hat end­lich nach­ge­lassen und langsam kommt auch die Sonne he­raus.

Ein langer Nach­mittag im Dach­ges­choss der Villa Rehfus steht bevor. Es herr­scht eine ver­traute At­mos­phäre, es wird viel und lei­den­schaft­lich dis­ku­tiert, die einen auf Deutsch, die an­deren auf Franzö­sisch. Egal welche Sprache ges­pro­chen wird, es sind keine Über­set­zungen nötig. Alle im Saal sind zweis­pra­chig und kennen sich teil­weise schon seit Jahren. Manchmal je­doch sind aber auch Dol­met­scher dabei, die Gästen, die nicht ganz so zweis­pra­chig sind, helfen der Dis­kus­sion zu folgen. Am Ende der Sit­zung sind die neuen Auf­gaben ver­teilt, ein neues Treffen ve­rein­bart und alle ein wenig müde.

Nach der of­fi­ziellen Sit­zung folgt je­doch noch ein reger Aus­tausch der Teil­nehmer bis sich die Ersten auf den Heimweg ma­chen. Die Sch­weizer müssen ihren Zug nach Basel kriegen. Die Deut­schen kommen meist mit Dienst­wagen.

Ein erei­gnis­rei­cher und pro­duk­tiver Tag geht zu Ende. Ju­liane hat wieder viel über die Zu­sam­me­nar­beit am Ober­rhein er­fahren, was auch ihre ei­gene Ar­beit vo­ran­bringt. Die Sonne steht schon tief und taucht den Abend­himmel in ein tiefes Rot. Sie macht sich auf den Weg zurück nach Straß­burg, wo sie in einer WG mit einer Französin wohnt. „Straß­burg ist eine tolle Stadt. Wohnen in Fran­kreich und ar­beiten in Deut­schland finde ich super.“