duett.fr


Neues Lesen, neuer Markt?

E-Mail Drucken PDF

Buchhandlung HAMMETT

Von Cyril Quillien
Über­­set­­zung: Ro­mana Bar­tels
Foto: Bu­ch­hand­lung HAM­METT

Im Schein der Ta­schen­lampe zu schmö­kern könnte ein Ver­gnügen sein, das un­sere Kinder nicht mehr kennen. Na­chdem der Er­folg des elek­tro­ni­schen Le­sens in Deut­schland und in Fran­kreich eine hef­tige De­batte aus­gelöst hat, scheint aber eines si­cher zu sein: Es geht mo­mentan noch nicht um eine Ent­schei­dung für oder wider  Buch und eBook, son­dern um die Ges­tal­tung der neuen Mö­gli­ch­keiten, die sich dem Leser und Autor hierbei eröffnen.

In Fran­kreich und Deut­schland wird der Buch­markt von einem Neuankömm­ling er­schüt­tert: Es han­delt sich um das eBook. Für die pro­du­zie­rende Seite ist dies gleich­be­deu­tend mit Kos­ten­ver­schie­bung und einer Verän­de­rung der Wert­ver­tei­lung. Außerdem er­for­dern die Verän­de­rungen von den Mark­tak­teuren, allen voran die Ver­lag­shäuser, ihre bi­sher festen Po­si­tionen neu aus­zu­han­deln. Doch auch auf der an­deren Seite des Bu­ch­de­ckels verän­dert sich Ei­niges. Be­reits heute lassen  sich in den beiden Län­dern un­ter­schied­liche Be­zie­hungen  zum Lesen er­kennen.

Um bes­te­henden und zukünf­tigen Dif­fe­renzen und Ge­mein­sam­keiten zu er­gründen, su­chen wir zwei Spe­zia­listen des Fachs auf. Der Pa­riser Bu­chhändler Xa­vier Vernet ist spe­zia­li­siert auf Science-Fic­tion-Li­te­ratur, Chris­tian Koch be­treibt in Berlin eine Bu­ch­hand­lung für Krimis. Beiden ge­mein ist die Liebe für Bü­cher und so sind ihre Läden vom Boden bis zur Decke mit Le­ses­toff gefüllt. Mit einem Kaffee in der Hand beant­worten sie un­sere Fragen.

Nach­ge­hakt, wie der Bu­ch­handel in ihrem je­wei­ligen Land  funk­tio­niert,  un­ter­scheidet  Xa­vier  zwi­schen  „Dis­tri­bu­tion“ und „Dif­fu­sion“. Die erste be­zeichnet die Lo­gistik vom Druck bis zum Bu­chhändler und bein­haltet ebenso Rech­nungen und Nach­bes­tel­lungen. „Dif­fu­sion“ be­zeichnet    den Teil des Ver­le­gens, in dem die Neuer­schei­nungen des Ver­lags dem Bu­chhändler sch­mack­haft ge­macht werden.  Chris­tian Koch be­tont die zwei in Deut­schland vo­rhan­denen Ver­sandmö­gli­ch­keiten: „Wenn ich sage, dass ich das Buch ganz sch­nell haben möchte, dann wird es mir mit der Post ges­chickt, so dass ich es zwei Tage spä­tes­tens habe. Sonst bietet mein Groß­bu­chhändler auch einen Trans­port­ser­vice an und lie­fert die Waren persön­lich. Das dauert länger, aber ich ver­diene mehr daran.“ Die Ent­schei­dung zwi­schen Ges­ch­win­dig­keit und bes­seren Kon­di­tionen kann kein Händler um­gehen.

Über die lan­des­weite Markt­si­tua­tion sind sich beide Bu­chhändler einig: Das eBook spielt in Deut­schland und in Fran­kreich eine große Rolle. Dabei ermö­glicht der Blick nach Ame­rika eine Aus­sage über die bei uns statt­fin­denden Pro­zesse, denn dort stellt der eBook­markt be­reits 20% dar:
 „Zum ersten Mal stellen Ver­lage in Deut­schland fest, dass sie keine Bu­ch­hand­lung mehr brau­chen.“
Als Zwi­schenhändler  kosten diese Geld und den be­fragten Spe­zia­listen zu­folge ist der Buch­markt be­reits aus­ge­reizt. Sie sind der Mei­nung, dass das In­ternet, Amazon und die Reader ein Wett­be­werb sind, mit dem mit­zu­halten immer sch­wie­riger wird. Xa­vier Vernet sieht die He­raus­for­de­rungen  vor allem in stei­genden Pa­riser Miet­preisen,  einem immer sch­nel­leren Wa­re­num­schlag und der da­durch sch­win­denden Qua­lität. Um marktfähig zu bleiben, fällt sie der Quan­tität zum Opfer.  

 Trotz der ernst­zu­neh­menden Ge­fahren, die elek­tro­ni­sches Lesen für das Fort­bes­tehen von Bu­ch­hand­lungen dars­tellt,  sind sich Vernet und Koch über das Über­wiegen der  Vor­teile einig. Lesen auf einem Reader ist min­des­tens so an­ge­nehm wie mit einem klas­si­schen Buch, sagt  Chris­tian Koch. So lässt sich zum Bei­spiel die Schrift­größe an müde Augen an­passen.   Außerdem  ist die Mo­bi­lität von Ebook, Reader und Co. un­schlagbar: „Ich kann übe­rall auf der Welt mein Lie­bling­sbuch he­run­ter­laden und eine ganze Bi­blio­thek in meiner Ho­sen­ta­sche mit­nehmen.“ Xa­vier Vernet wie­derum erin­nert daran, dass die mo­derne Technik kos­te­nin­ten­sive Zwi­schens­ta­tionen unnötig macht. Fol­ge­richtig  sollte das eBook billiger sein. Je­doch ist dies bi­sher nur selten der Fall, „weil die Ver­lage sich in diesem Be­reich ge­dan­kenlos be­nehmen. Indem sie Soft­ware zum Schutz der eBooks im­ple­men­tieren, erhöhen  sie die Kosten, ans­tatt alles zu ve­rein­fa­chen“.

Wird das Ebook das Pa­pier­buch er­setzen? Auf diese Frage wissen  Chris­tian Koch und Xa­vier Vernet eine klare Ant­wort.  Nein. Denn es han­delt sich um zwei ver­schie­dene Ge­genstände. „ Es ist wichtig, das Me­dium und das Werk nicht zu ver­wech­seln.“, meint der Pa­riser Bu­chhändler. Chris­tian Koch beo­bachtet sogar Kunden, die eBooks lesen und zusätz­lich dazu die Pa­pier­form des Bu­ches kaufen.
Beide Händler  stimmen übe­rein, dass der hohe Preis ein Hin­dernis für den Zu­wachs des eBook­markts ist.  Einen aus­schlag­ge­benden Grund dafür sehen sie in der Si­tua­tion der Ver­lag­shäuser, die ihre Exis­tenz durch die Verän­de­rungen im ak­tuellen System be­droht sehen. Dieses könnte in der Zu­kunft so aus­sehen, dass die Au­toren den Le­sern ihre Bü­cher di­rekt an­bieten,  wie Amazon es heute be­reits ermö­glicht.

 Laut den beiden Bu­chhänd­lern wird das eBook das klas­si­sche Pa­pier­buch zwar nicht er­setzen, aber even­tuell die Rolle des Ta­schen­buchs ein­nehmen. Da die güns­tige und rasch er­wor­bene Va­riante des ge­bun­denen Buchs einem wahren Geld­segen für die Ver­leger ents­pricht, darf die Be­deu­tung ihres Ver­sch­win­dens nicht un­ter­schätzt werden.

Weder Xa­vier noch Chris­tian fühlen sich vom In­ternet und dem eBook be­droht, da beide eine Ni­sche be­dienen. „Die Leute kommen gern hie­rher, weil sie sich wohl fühlen.“ Bei Xa­vier „stammt der größte Teil der Bü­cher aus zweiter Hand, sie werden nicht mehr neu ver­legt und sind im nor­malen Bu­chladen nicht zu finden.“ Chris­tian hat den großen Vor­teil, dass er den­selben Ser­vice wie Amazon an­bieten kann. „Und ich gebe meinen Kunden auch Bes­cheid, wenn die Bü­cher an­ge­kommen sind“. So kann er auf Wunsch auch Bü­cher bes­tellen, die keinen Platz im Regal seiner Krimi-Hand­lung ge­funden haben.

Das eBook be­sitzt also dur­chaus das Po­ten­tial, in Zu­kunft müde Kin­de­raugen vor dem spär­li­chen Licht der Ta­schen­lampe zu be­wahren. Dies be­deutet je­doch nicht, dass das herkömm­liche Buch zum Aus­lauf­mo­dell dek­la­riert werden muss. Ob diese Aus­sage eben­falls und daue­rhaft für das deut­sche und franzö­si­sche Ver­lag­ssystem gilt oder ob sie in Zu­kunft eher einen sel­tenen Luxus dars­tellen, den sich ei­nige Au­toren leisten können, sei dahin ges­tellt. Trotz aller Kon­tro­versen ist si­cher, lieber Leser, ein Be­such bei Chris­tian Koch oder Xa­vier Vernet lohnt. In diesem Sinn bleibt nur zu sagen: Treten Sie ein, wenn Sie an der Tür von Chris­tian oder Xa­vier vor­bei­kommen. Die beiden sind froh, mit Ihnen ihre Lei­den­schaft für Bü­cher zu teilen, egal in wel­cher Form.

Chris­tian Koch  ist In­haber der HAM­METT Kri­mi­bu­ch­hand­lung.

In­ter­net­seite : http://www.ham­mett-krimis.de
An­schrift: Frie­sens­traße27, 10965 Berlin
Tel.: 0049 (0)30 / 691 58 34
Öff­nung­szeiten : Montag - Freitag 10-20 Uhr, Sam­stag 9-18 Uhr.

Xa­vier Vernet ist In­haber der SF-Bu­ch­hand­lung SCYLLA

In­ter­net­seite: http://www.scylla.fr
An­schrift : 8 rue Rie­sener, 75012 PARIS
Öff­nung­szeiten:  Mitt­woch- Freitag 12-20Uhr, Sam­stag 10-20Uhr

Tel: 0033 (0)6 24 64 22 08

Letzte Kommentare

Letzte Nachrichten im Forum

Konnexion