Die Macht der Geschichte

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©ALTVon Théo­phile Claudel
Foto: Alain Le Treut
Über­set­zung: Jen­nifer Stüwe

Ich als Fran­zose be­merkte bei meinem ersten Be­such in Berlin, dass die deut­sche Haupts­tadt mit einer großen Zahl von Denkmä­lern, be­son­ders die des Ho­lo­causts ver­sehen ist. Erst im ver­gan­genen Ok­tober 2012 wurde das Denkmal der Sinti und Roma von der Bun­des­kanz­lerin An­gela Merkel ein­ge­weiht. Diese An­samm­lung von Ge­denkstätten für die Opfer des Na­tio­nal­so­zia­lismus ließ mich über die Si­tua­tion in Fran­kreich na­ch­denken, dessen Hand­ha­bung mit den Mahnmä­lern eine an­dere zu sein scheint, ob­wohl die his­to­ri­schen Kon­tro­versen ein bes­tim­mender Teil des franzö­si­schen Ta­ges­ges­chehen sind.

Ein Ver­bre­chen Fran­kreichs an dem ei­genen Land “

Im Juli letzten Jahres be­kennt sich der franzö­si­sche Prä­si­dent Fran­cois Hol­lande, zu der Ju­den­razzia des Vel d’Hiv (Razzia des Win­ter­ve­lo­droms), das „ein Ver­bre­chen der Fran­zosen an ihrem ei­genen Land war“.

Am 16. und 17. Juli 1942 wurden Tau­sende von Juden von der franzö­si­schen Po­lizei ve­rhaftet und in die Ver­nich­tungs­lager de­por­tiert. Seit jeher wurde die Vichy-Re­gie­rung für dieses trau­rige Erei­gnis als ve­rant­wort­lich erklärt, nicht etwa die ge­setzmäßige Macht Fran­kreichs, re­prä­sen­tiert durch den Ge­neral de Gaulle in London.

Ebenso sch­merz­voll ist die Ver­gan­gen­heit des Al­ge­ri­schen Krieges (1954-1962). Am 51. Ge­denktag der blu­tigen Ver­fol­gung vom 17. Ok­tober 1961, hat Fran­cois Hol­lande das erste Mal verkündet, dass „sich die Re­pu­blik dieser Fakten mit klarem Be­wusst­sein be­kenne“ und sprach ihnen außerdem die Ehre eines Op­fer­denk­mals zu. An jenem Tag fanden die De­mons­tra­tionen der FLN (Front de Li­bé­ra­tion Na­tional) in einem Blutbad ihr Ende: Hun­derte der Al­ge­rier wurden exe­ku­tiert und an­dere wurden le­bend in die Seine ge­worfen.

Die Ein­sicht der franzö­si­schen Ve­rant­wor­tung an diesen Taten hat eine po­li­ti­sche De­batte aus­gelöst, die ge­gensätz­liche Ent­wi­ck­lungen an­nimmt. Ei­ner­seits hat die Op­po­si­tion den So­zia­listen vor­ge­worfen end­lich „ewige Reue“ zu zeigen, „die Fran­zosen zu­sammen zu füh­ren“ und „die sch­wie­rige Zeit als einen Teil der ei­genen Ges­chichte zu vers­te­hen“. An­de­rer­seits kons­ta­tiert Chris­tian Jacob, der Prä­si­dent der Gruppe UMP der Na­tio­nal­ver­samm­lung lauts­tark, dass „es inak­zep­tabel sei, die franzö­si­sche Po­lizei zu ve­rur­teilen und somit die ge­samte Re­pu­blik an­zu­pran­gern“. Den­noch ges­teht sich die Ge­sam­theit der His­to­riker heut­zu­tage den tra­gi­schen Ver­lauf der Taten ein.

Berlin, Stadt der Erin­ne­rung

Im wei­teren Sinne zeigen die zwei ge­nannten his­to­ri­schen Erei­gnisse, dass es den Fran­zosen große Mühe macht ihre Ver­gan­gen­heit zu ak­zep­tieren. Dies­bezü­glich un­ter­scheidet sich der deut­sche Nachbar, jen­seits des Rheins erhe­blich. Die Mu­seum­skunde in Berlin ist beein­dru­ckend. Wobei die vielen Erin­ne­rung­sstätten die  Pro­ble­matik von der an­deren Seite be­leuchten lassen: Ein Wett­be­werb von Denkmä­lern, ist das zu viel?

Denn nach der Eröff­nung des Jü­di­schen Mu­seums (1999), kam das Denkmal für die er­mor­deten Juden Eu­ropas (2005), dann folgte das Mahnmal für die im Na­tio­nal­so­zia­lismus ver­folgten Ho­mo­sexuellen (2008) und zudem das kürz­lich von An­gela Merkel ein­ge­weihte Ho­lo­caust-Mahnmal der Sintis und Roma (2012). Das Ge­denken an die An­gehö­rigen dieses blu­tigen Mas­sa­kers kann man nur po­sitiv heißen, be­son­ders weil  die Ges­chichts­schrei­bung des Zweiten Welt­krieges dieses Thema ver­na­chläs­sigt hat. Den­noch bleibt die Frage ob ein Ge­den­kort, ge­meinsam für alle er­mor­deten Opfer des Nazi-Re­gimes nicht aus­rei­chen wäre.

Man könnte sagen, Berlin ist ein Open-Air Mu­seum ge­worden. Warum? Das erklärt Etienne Fran­cois, ein Spe­zia­list auf diesem Ge­biet, und lie­fert hierfür drei Gründe. Zunächst das Motiv im Namen der Reue: Das Schuld­gefühl im Bezug auf den Na­tio­nal­so­zia­lismus ist immer noch sehr stark bei den Deut­schen. Die vielen jü­di­schen Denkmäler sym­bo­li­sieren das ge­mein­same Büßen für die Bluttat und sollen die Er­mor­deten auf eine Art wieder „au­fers­te­hen“ lassen. Ein wei­terer Punkt ist der Tou­rismus: Berlin ist eine re­lativ arme Me­tro­pole, den­noch ist sie reich an kul­tu­rellem Gut und sie ist ein Symbol für ihre Ver­gan­gen­heit. De­shalb ver­sucht die deut­sche Haupts­tadt mit dem As­pekt der Mahnmäler viele Be­su­cher an­zu­lo­cken. Zu­letzt der As­pekt des mo­dernen Ber­lins: Deut­schland als Vor­zeige-De­mo­kratie hat im Ge­gen­satz du an­deren Län­dern ihre Ges­chichte nach langer Läh­mung­sphase ve­rar­beitet und mit­tler­weile ak­zep­tiert.

Fran­kreich sollte sich seinen deut­schen Nach­barn als Vor­bild nehmen. Der Be­such Fran­cois Hol­landes in Al­ge­rien Ende De­zember 2012 gab ihm An­lass sich zu den „zu­gefügten Leiden an dem al­ge­ri­schen Volk wäh­rend der Ko­lo­nia­li­sie­rung zu be­ken­nen“. Er pran­gerte ebenso das ko­lo­niale System als ein „zu­tiefst un­ge­rechtes und bru­ta­les“ an. Leider bleibt der Pro­zess der Au­far­bei­tung sehr be­denk­lich: Ei­ner­seits die Linken (PCF) die ihm Vorwürfe ma­chen er würde zu weit gehen und an­de­rer­seits die Rechten (UMP) die „eine halb­seitig gelähmte Sicht­weise“ be­dauern und in der Lage sind die zu­gefügten Leiden Fran­kreichs zu ver­gessen.

Das Thema Fran­kreich und der Al­ge­ri­sche Krieg bleibt eine ent­schei­dende po­li­ti­sche Dis­kre­panz in der Re­pu­blik. Es wäre nun an der Zeit die bei­der­seits be­gan­genen Grauen­haf­tig­keiten, ruhig und ge­wis­sen­haft auf­zuar­beiten. „Die Be­ken­nung der Ve­rant­wort­li­ch­keit be­deutet nicht klein bei zu geben son­dern an Größe zu ge­win­nen“, meint Etienne Fran­cois ab­schließend.