Syrien: Menschliche Normalität auf politischer Waagschale

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Von Katja Schlangen

Wer als Tou­rist ein Land wie Sy­rien be­sucht, bringt ge­wisse Er­war­tungen mit. Ein Land unter einer lu­pen­reinen Dik­tatur, so weit ent­fernt von un­serer De­mo­kratie. Man er­wartet Wi­ders­tand, Angst, Schre­cken und Wut in den Ge­sich­tern der Be­wohner. Mi­litär und pa­trouillie­rende Po­li­zisten an jeder Straße­necke runden das Kli­schee ab. Ei­nige dieser Er­war­tungen bestä­tigen sich be­reits beim Grenzü­ber­gang. Etwa die Por­träts des Prä­si­denten Ba­shar al-Assad und seines Vater, Hafiz al-Assad der mit einem Mi­litär­putsch den heu­tigen Staat Sy­rien grün­dete. Von jedem Hotel, jedem Laden und jedem Res­tau­rant aus ver­folgen sie einem quer durch Sy­rien. Oder die häu­figen Pass­kon­trollen, welche jeden größeren Orts­wechsel be­gleiten. Doch wäh­rend man etwa die Ruinen Pal­myras er­kundet oder durch die Suqs von Aleppo und Da­maskus streift, sind die Spuren der herr­schenden Dik­tatur so gut wie un­sichtbar. Denn das Leben an sich, der Alltag, ist ers­taun­lich alltä­glich.

Man muss geübte Augen haben um sie zu sehen, die kleinen Un­ter­schiede, die kleinen Zei­chen die eine größere Vor­sicht ver­raten, ein ge­lebtes Miss­trauen. Auf den ersten Blick sieht der kleine Platz im Su­q­Sa­rouja richtig idyl­lisch aus. Die kleinen Cafés sind mit Lich­ter­ketten ges­chmückt, Ti­sche und Stühle tum­meln sich auf der Straße und müssen zur Seite geräumt werden, wenn ein Auto kommt. Es wird dis­ku­tiert, Was­serp­feifen werden ge­raucht, und immer wieder von Herzen ge­lacht. Un­bes­ch­wer­theit sch­webt über den kleinen Platz. Erst bei län­gerem hin­sehen be­merkt man die kurzen, hu­schenden Blicke, welche die Um­ge­bung ab­tasten. Die win­zigen Mo­mente, wo ein lautes Ges­präch plötz­lich leise wird, Köpfe sich nä­hern, um die kurzen,  flüs­ternden Sätze zu vers­tehen. Wer hört dem Ges­präch zu? Bei wem muss man miss­trauisch sein? Ar­beitet Mo­hammed für die Re­gie­rung? Er hat den obli­ga­to­ri­schen Mi­litär­dienst ver­wei­gert und ist un­ges­choren davon ge­kommen. Und was ist mit Mahmud? Wieso hat er so sch­nell die Ge­neh­mi­gung be­kommen, sein Haus zu re­no­vieren und auch noch zu ver­mieten? Sowas dauert sonst Mo­nate, wenn nicht Jahre. Je näher man hin­sieht, umso mehr er­kennt man das Miss­trauen in den Augen, das System of­fen­bart sich: Die Men­schen hier leben in Kreisen. Nur der engste Kreis er­laubt völ­lige Of­fen­heit. Der nächste Kreis er­laubt teil­weise Of­fen­heit. Der äußere Kreis ver­bietet je­gliche Of­fen­heit. Hier be­deutet Of­fen­heit sch­nell großes Leid, manchmal den Tod. Und den­noch tobt das Leben im Suq Sa­rouja, die Cafés sind voll, Gelächter erfüllt die Luft, und trotz der po­ten­tiell ständig lauernden Ge­fahr ist die Le­bens­freude echt: egal wie die Ve­rhält­nisse auch sind, der Mensch will sich ar­ran­gieren und sucht Nor­ma­lität.

Lu­ckman ist ein wahrer En­ter­tainer. Egal wo sich der quir­lige Mann mit der hei­seren Stimme aufhält, er steht im Mit­tel­punkt. Die Haare hängen ihm ins Ge­sicht, sein Fünf­ta­ges­bart wirkt un­gep­flegt und tiefe Ringe zieren seine dunklen Augen, doch seine Zuhörer hängen ver­zau­bert an seinen Lippen. Jeden Montag mo­de­riert er die „Poetry Night“, ein Aus­tausch an Ge­dichten, Kurz­ges­chichten, Musik und Kunst im All­ge­meinen. Er hat ihn selbst ins Leben ge­rufen. Im Keller eines No­bel­ho­tels ver­sam­meln sich Künstler, Zu­schauer, aus­gewählte Tou­risten und Ges­chäftsmänner. Im Poetry Club darf kri­ti­siert werden, wei­taus mehr als auf der Straße. Doch man weiß, es gibt Grenzen. Man weiß, keiner dieser Abende bleibt un­beo­bachtet. Und so schimpft man auf den Rest der Welt, die USA, den Westen. Scherze über das ei­gene System bleiben klein und harmlos. So klein und so harmlos, dass man sich über das ex­plo­die­rende Gelächter der Zu­schauer wun­dert. Doch so funk­tio­niert die Ge­heim­sprache des Poetry Clubs: in­di­rekte An­deu­tungen, feine Witze, bloß nichts Di­rektes, bloß nichts Of­fen­sicht­li­ches. Der kleine Kreis der Ein­ge­weihten wird vers­tehen was ge­meint ist. Es ist ein Katz und Maus Spiel mit der Re­gie­rung. Der Ein­satz ist die ei­gene Si­che­rheit, das ei­gene Leben.
Eine halbe Stunde nach of­fi­ziellem Be­ginn der Poetry Night ist es immer noch leer, die Künstler lassen sich Zeit, die Uhren laufen hier an­ders. Langsam tru­deln alle ein, bis man sich in dem kleinen Raum kaum noch be­wegen kann. Der Geräu­sch­pegel steigt, es wird ge­lacht, lau­thals be­grüßt und trotz des Rau­ch­ver­botes heim­lich die ersten Zi­ga­retten an­gezündet. Schließ­lich schiebt sich Lu­ckman durch die Menge in Rich­tung Mi­kro­phon, eine lang­wie­rige Pro­zedur, da er jeden auf seinem Weg über­schwän­glich be­grüßt. Und dann geht es end­lich los.
Poeten und Ges­chicht­serzähler be­treten einer nach dem an­deren das Ram­pen­licht. Ob­wohl die Sprache fremd und un­verständ­lich ist, kann man am Ton des Künst­lers und an den Reak­tionen des Pu­bli­kums er­fassen, worum es geht. Die Zu­schauer fühlen sich ganz als Teil des Pro­gramms, sie la­chen, seufzen, un­ter­bre­chen und kom­men­tieren die Auffüh­rungen die Künstler. Eine tiefe, fast greif­bare Ver­bun­den­heit ents­teht zwi­schen Künstler und Pu­blikum. Trotz, oder viel­leicht ge­rade wegen der all­ge­genwär­tigen Ge­fahr be­deutet Kunst hier im Poetry Club etwas Ge­mein­sames, Le­ben­diges und Ver­bin­dendes.
Am Ende des Abends richtet sich der Schein­werfer auf eine Gruppe im Pu­blikum. Iraker, ins Nach­bar­land Sy­rien ge­flüchtet vor dem töd­li­chen und un­be­re­chen­baren Chaos in ihrem Land.  Ein Mann mit sch­malen Ge­sicht und ak­kurat ra­sierten Bart zupft an den zwölf Saiten eines gi­tar­renähn­li­chen Ins­tru­ments: der Aoud. Er ent­lockt ihr me­lan­cho­li­sche Klänge. Und dann setzt der Ge­sang ein. Der erste Ton, den der be­leibte Sänger he­raus­presst lässt das Blut in den Adern ge­frieren. Mehr Schrei als Ge­sang erzählt er von Trauer, Wut und über­großem Sch­merz. Bagdad, singt er, Bagdad! Ich habe Dein Ge­sicht ver­gessen, ich weiß nicht mehr, wie du aus­siehst“. In den Augen der Zu­schauer, ob Iraker oder Syrer, sam­meln sich Tränen, Hände werden de­mons­trativ an die Herzen ge­presst und eine kleine Gruppe Männer dreht sich langsam tan­zend in der Mitte des Raumes. Die offen zur Schau ges­tellten Emo­tionen er­zeugen eine un­ge­wohnte, le­ben­dige Stim­mung. Ein­fach, simpel und den­noch tief und echt. So emo­tional kann eine Kritik an Ame­rika sein.

Die Poetry Night kann die Ein­gang­sp­forte zur echten Of­fen­heit sein. Nicht öf­fent­lich, im kleinen Kreis, im harten Kern. Hat man sich als würdig er­wiesen darf man sich an der Hand eines Ein­hei­mi­schen, in den kleinen Gassen von Da­maskus ve­rirren. Es geht tief in die Alts­tadt, an uralten, sand­far­benen Wänden mit win­zigen, dunklen Türen ent­lang, eine gleicht der an­deren. Al­lein der Be­gleiter kennt die rich­tige Tür. Nach einem Klopf­zei­chen öffnet sie sich, he­raus quillt eine Wolke aus Zi­ga­ret­ten­dunst, in dem sich sche­men­hafte Ges­talten be­finden. Haben sich die Augen an den Rauch gewöhnt, kann man einen kleinen Raum aus­ma­chen. Freund­lich wird man be­grüßt. Lu­ckman ist schon da, er ges­ti­ku­liert in einer Dis­kus­sion mit Abed- Marxist durch und durch. Viele Ge­sichter kennt man schon von der Poetry Night. Es wird en­glisch ges­pro­chen. Die Nacht gehört der De­batte, jeder mit jedem, kreuz und quer. Jour­na­listen, Künstler, Pro­fes­soren dis­ku­tieren über De­mo­kratie, Re­li­gion, Ame­rika, den Irak, über Erdöl und Wirt­schaft, über Leben und Tod.
Zi­ga­retten, Bier, Arraq, Nüsse, Chips, Back­gammon- und immer wieder Lu­ckman, der die Ges­präche do­mi­niert, steuert, ver­tieft oder in Witze zer­pul­vert. Ir­gend­wann hat man als Ausländer auch den letzten Test bes­tanden, und die Ges­präche drehen sich nun um Sy­rien, um Assad, um den all­ge­genwär­tigen Ge­heim­dienst. Fast alle hier haben ihre Er­leb­nisse, fast alle hier waren ir­gend­wann einmal doch zu laut, haben  doch dem Fal­schen ge­genüber ihre wahre Mei­nung geäußerst, haben be­zahlt dafür. Und können doch nicht sch­weigen.
Hier hat man ihn ge­funden, den In­tel­lek­tuellen Un­ter­grund! Macht man es sich nun dort gemüt­lich und bleibt ein paar Tage, so kann man seine Le­ben­dig­keit er­fahren und sich in Dis­kus­sionen ver­lieren. Men­schen werden kommen und gehen. Selten wird Ruhe ein­kehren, selten wird man al­lein sein und nie­mals wird der Qualm sich ver­ziehen.
Doch Lu­ckman und seine kri­ti­schen Freunde bilden nur einen kleinen Teil der Ge­sell­schaft, nur eine Sicht­weise, nur eine Wah­rheit von vielen.

In Tadmur (Pal­myra) er­lebt man die Wah­rheit der armen, ein­fa­chen Men­schen auf dem Lande. Ihr po­li­ti­sches Denken dreht sich im we­sent­li­chen um die Bes­chaf­fung der tä­gli­chen Nah­rung, das Geld für die Schule, für Me­di­ka­mente. Auch sie su­chen Verän­de­rung, aber diese Verän­de­rung be­trifft le­di­glich ein Aus­kommen ohne Sorgen, etwas mehr Wohl­stand. Sie leben in großen Fa­mi­lien tief ver­wur­zelt in uralten Struk­turen und Tra­di­tionen, die sich mö­glichst nicht än­dern sollten. Darin kennt man sich aus, damit kann man um­gehen, das hat Jah­rhun­derte gut funk­tio­niert.IMG_5198-1

Und in Aleppo gibt es wieder eine wei­tere Wah­rheit. Abdul, etwa dreißig Jahre alt führt eine Un­ter­kunft für Ruck­sa­ckrei­sende. Er sieht jun­gen­haft und fröh­lich aus, seine Augen blitzen schel­misch durch die eckige Brille. Fragt man ihn, wie er die Si­tua­tion in Aleppo ein­schätze, so be­kommt man immer die selbe Ant­wort: „Alles ist gut, Sy­rien ist schön!“. Po­litik ist für Abdul zwei­trangig, an erster Stelle stehen erst Mal sein Ges­chäft, Geld ver­dienen, Partys feiern und Spaß haben. Der Kon­takt zu den Tou­risten und ihrem Geld ermö­glicht ihm das. Und die Auf­stände in Hama und Da­maskus? „Alles Idioten, meint Abdul, schlecht für den Tou­ris­mus“.
Abdul hat das Hotel seines Va­ters über­nommen, und es mit seiner char­manten und für­sor­gli­chen Art bis in den Lo­nely Planet ges­chafft. Seitdem lief das Ges­chäft so gut wie nie zuvor. Oft war das Hotel aus­ge­bucht und Abdul konnte sich voll und ganz den Tou­risten widmen, ihnen Aleppo zeigen und mit ihnen jeden Abend auf einer an­deren Party tanzen.
Dann stürzten Ben Ali in Tu­ne­sien und Mu­barak in Ägypten. In Li­byen, Jemen, ja sogar in Spa­nien und Nor­da­me­rika gingen die Men­schen, teils unter Le­bens­ge­fahr auf die Straße um gegen die Re­gie­rung zu pro­tes­tieren. So auch in Sy­rien und Abdul musste zu­sehen wie sich sein Hotel immer mehr leerte, die Tou­risten blieben aus. Die Schuld dafür gibt er den „Auf­stän­di­schen“. Und mit dieser Mei­nung steht Abdul nicht al­leine. Vielen großen und kleinen Ges­chäfts­leuten ging es nicht schlecht unter dem Assad Re­gime, der Tou­rismus stieg in den letzten Jahren stetig an und die Ges­chäfte liefen gut. Vielen Men­schen in Sy­rien ging es ging es tatsä­chlich von Jahr zu Jahr etwas besser, sie konnten sich hier und da etwas mehr leisten. An­de­rer­seits sind etwa die Preise für Benzin und Le­bens­mittel deut­lich ges­tiegen. Trotzdem fühlte es sich für viele Syrer an, als wenn es langsam aufwärts ginge. Fast alle haben sich auf die eine oder an­dere Art längst mit dem System ar­ran­giert, eine Verän­de­rung würde das viel­leicht, ver­mut­lich, wahr­schein­lich alles wieder  zerstören. Und ir­gendwie haben sie es ges­chafft, Assad vom System zu trennen. Der Ge­heim­dienst, das willkür­liche Rechts­system und all diese Dinge- das war ir­gendwie nicht Assad, das waren ir­gendwie die an­deren. Hier war Pro Assad nicht zwang­släufig Pro System. Assad stand in weiten Teilen der Bevöl­ke­rung für Auf­bruch, für Mo­derne, für Ver­bes­se­rung.
 
Wie  übe­rall auf der Welt hat fast jeder Mensch seine ganz ei­genen, persön­li­chen Wün­sche und Bedürf­nisse, die häufig an seine alltä­gliche Si­tua­tion geknüpft sind und darüber hi­naus­ge­hende Werte und Mö­gli­ch­keiten oft ver­na­chläs­sigen. Nicht ver­gessen sollte man ebenso, dass die Bevöl­ke­rung in Sy­rien ex­trem vielfältig ist. Inner- is­la­mi­sche Re­li­gionss­trö­mungen wie auch nicht- is­la­mi­sche Re­li­gionen, un­ter­schied­liche Eth­nien und Volks­zu­gehö­rig­keiten bilden in Sy­rien eine äußerst fi­li­grane und somit höchst ver­letz­liche Ge­mein­schaft. Zudem liegt Sy­rien ge­ra­dezu im Brenn­punkt des Nahen Os­tens und damit massiv im Focus nicht nur der Nach­barländer son­dern welt­weiter In­te­ressen, die re­li­giös, po­li­tisch und wirt­schaft­lich oft ex­trem kon­trär ge­prägt sind. Der Ge­danke ir­gend eines glatten, mö­glichst hu­manen Über­ganges zu etwas Neuem und Bes­serem er­scheint an­ge­sichts dieser realen Zer­reiß­probe fast illu­sionär. Der wach­senden Op­po­si­tion in Sy­rien ist dies völlig klar. Trotzdem ris­kiert und op­fert sie Ihr Leben für dieses un­ge­wisse Neue, für eine erhofft po­si­tive Verän­de­rung der mo­men­tanen Ve­rhält­nisse Tag für Tag. Und wirft damit trotz der geo­gra­phi­schen Ent­fer­nung eine ele­men­tare Frage auch in das Leben jedes Ein­zelnen von uns: Für welche Werte wollen oder sollten wir eins­tehen?