Text und Foto von Hanna Gieffers
Wie ein Franzose aus Berlin. So fühlt sich Buchhändler Patrick Suel. Seit 2003 ist seine Französische Buchhandlung Zadig in Berlin Mitte Treffpunkt frankophoner und frankophiler Leser der Hauptstadt
Den Tumult der Linienstraße lässt man hinter sich, wenn man die Glastür der Buchhandlung Zadig schließt. Es ist ruhig, fast andächtig blättern Kunden in Büchern. Mit einem freundlichen „Bonjour“ begrüßt einen Patrick Suel vom Tresen. In weißen, schlichten Regalen zeigen kleine Kärtchen an, welche Schätze sich in der Bücherwand verbergen, R wie Rabelais, S wie Sagan, V wie Vian.
Klassiker der französischen Literatur wechseln sich ab mit kritischen Büchern über die Machenschaften Frankreichs in Afrika, daneben ein Schwarz-weiß-Bildband Berlins. Eine Auswahl an europäischen Werken, kombiniert mit einer orientalischen Note, ohne den Fokus auf Deutschland und Frankreich zu verlieren. Es ist eine nicht alltägliche Bücherauswahl, die man hier in den Regalen findet. „Am besten verkaufen sich die Bücher, die mit dem wichtigsten französischen Buchpreis, dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet wurden, wie der diesjährige Preisträger „Karte und Gebiet“ von Michel Houellebecq,“ verrät Suel. Was in Frankreich für gut befunden wird, ist auch in Berlin gefragt. In einen hellen, weichen Sessel unter dem Fenster sinkt man gemütlich ein, möchte nicht mehr aufstehen, nur vielleicht um das nächste Buch zum Schmökern aus dem Regal neben sich zu ziehen.
Die Lieblingsbücher des Buchhändlers stehen im hinteren Teil des Ladens, neben den Kinderbüchern. Suel nennt diesen Bereich „konzeptionell“. Er nimmt eines dieser kleinen, philosophischen Büchlein aus dem schwarzen Drehregal und streicht über den kunstvoll bedruckten Buchdeckel. „Die Bücher in einem Buchladen spiegeln immer auch das Publikum wieder.“, findet Patrick Suel. Mindestens ebenso auch seinen Besitzer.
Bücher vom aktuellen französischen Präsidenten sucht man vergeblich. „Ich will mit meinen Büchern nicht das Ego der Franzosen umschmeicheln“, sagt der drahtige Buchhändler mit den strubbligen, grauen Haaren. Schmunzelnd fügt er hinzu:„Meine Steuern zahle ich in Deutschland, ich muss den Franzosen keine Rechenschafft ablegen.“
Das Buch Zadig ist nicht ohne Grund Namensgeber dieser Buchhandlung. Sein Autor, der französische Philosoph Voltaire war einer der größten Kritiker des Absolutismus in Frankreich. Seine Waffen waren Ironie und Phantasie. 1750 zog es Voltaire nach Potsdam an den Hof von Friedrich dem Großen. Auch Suel ist ein Verfechter der deutsch-französischen Freundschaft: „Die beiden Länder bilden die Achse Europas.“ Für ihn ergänzen sich die beiden Länder und ihre Bewohner perfekt.
In Berlin verliebt hat sich der Franzose schon vor langer Zeit. In den achtziger Jahren kam er zum ersten Mal an die Spree. „Die Stadt scheint mir manchmal wie eine Szene aus Büchern von Voltaire.“, findet er. Berlin sei einfach, international und hätte keinen Dresscode. Jeder kann so sein, wie er möchte. Hier fühlt sich Patrick Suel wohl, er nennt Berlin „seine Stadt“. Nur an die harsche ‚Berliner Schnauze‘ musste er sich erst gewöhnen. „Ich kann nachvollziehen, wie Franzosen davon zuerst abgeschreckt sind“, sagt er und lacht. Er weiß, wie er damit umzugehen hat. Zurück nach Paris ziehen, das käme für den Wahlberliner nicht in Frage. Früh hat er schon davon geträumt, in Berlin einen deutsch-französische Kulturbetrieb zu gründen. „Die Deutschen können sich ruhig trauen, stolzer auf ihre Hauptstadt sein“, findet er.
Viele Franzosen sind dem Charme Berlins erlegen. Sie zählen zu den größten Kunden Zadigs. Berliner, die Frankreich mögen, Franzosen, die Berlin besuchen oder Exilfranzosen, die in Berlin wohnen kaufen in der Buchhandlung ein. So wie Florent Martin. Er wechselt mitten im Satz vom Französischen ins Deutsche. Ringt nach Wörtern in seiner Muttersprache. Seit elf Jahren lebt der Franzose in Berlin. In der Hand hält er drei Bücher, zwei französische Krimis und ein Buch über Freud. Zirka zwei Mal im Jahr deckt er sich hier mit französischen Büchern ein. „Ich mag die Atmosphäre in diesem kleinen Laden“, sagt er. Die Bücher hat er schon bezahlt. Aber bevor er den Laden verlässt, tauscht er sich mit Patrick Suel noch über das Leben als Exilfranzose in Berlin aus. „Buchhändler zu sein ist eben nicht nur ein Beruf. Es ist eine Person“, so Suel.
Vom 14. Mai bis zum 17. September kann man bei Zadig nicht nur Bücher kaufen, sondern auch die Bilderausstellung des französichen Künstlers Jean-Francois Desserre sehen.
Internetseite: www.zadigbuchhandlung.de
Adresse: Zadig, Librairie française, Linienstrasse 141, 10115 Berlin-Mitte, U-Bahn: l'Oranienburger Straße, Telefon: 030 280 999 05
Email: info@zadigbuchhandlung.de.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 11-19 Uhr, Samstag: 11-17 Uhr.




