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Blau ist eine vielschichtige Farbe - Abdellatif Kechiches „La vie d’Adèle“

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Von Ka­rolin Breda
Franzö­si­sche Über­set­zung Aimie Bouju
Foto ©WILD BUNCH 

La vie d'Adèle, ©WILD BUNCH

Ein „überwäl­ti­gendes Meis­ter­werk“ sagen die einen. „Uralte Ste­reo­ty­pen“ schreiben die an­deren. Der in Cannes mehr­fach preis­ge­krönte Film „La vie d’Adèle, Cha­pi­tres 1 & 2“ des tu­ne­si­schen Re­gis­seurs Ab­del­latif Ke­chiche (L’Es­quive, Cous­cous mit Fisch) hat seit seinem Start im ver­gan­genen Herbst übe­rall in den eu­ropäi­schen Ki­nosälen für Fu­rore ge­sorgt. Er wird als der beste franzö­si­sche Film seit langem ge­han­delt. Dabei ist das für den César 2014 prä­no­mi­nierte Drama nicht nur auf­grund seiner freizü­gigen Sexs­zenen Ge­gens­tand höchst po­le­mi­scher De­batten.

„Ich bin eine Frau und ich erzähle meine Ges­chichte…“ – eine ge­konnte Pa­ral­lele zwi­schen dem Ent­wi­ck­lung­sroman Ma­rianne von Ma­ri­vaux und der Ges­chichte des Films. Das Buch wird zu Be­ginn des Films im Franzö­si­schun­ter­richt  be­han­delt. Dieser An­fang weist da­rauf hin, dass in den nächsten drei Stunden Männer keine große Rolle spielen werden. Hier haben wir es mit einem Co­ming-Of-Age-Drama mit allen Höhen und Tiefen zu tun, in dessen Zen­trum die junge Adèle steht. Sie wird ge­spielt von der be­zau­bernden Adèle Exar­cho­poulos.

Die ersten Szenen des Films um­reißen kurz und bündig das All­tag­sleben der 15-Jäh­rigen: Adèle in der Schule, Adèle mit ihren Freunden, beim Aben­dessen in der Fa­milie mit spa­ghet­ti­ver­sch­miertem Mund, Adèle in ihrem Bett in einer ver­drehten Schlaf­po­si­tion. Mit dem ersten Freund, einem sym­pa­thi­schen Jungen aus der Schule, will es nicht so recht klappen. Adèle wird das Gefühl, dass ihr etwas fehlt, ein­fach nicht los.

Doch dann trifft sie die les­bi­sche Kunsts­tu­dentin Emma (Léa Sey­doux),  und es ist der berühmte „coup de fou­dre“: Liebe auf den ersten Blick. Eine flüch­tige Be­ge­gnung, ein kurzer Blick, und Emma geht der Schü­lerin nicht mehr aus dem Kopf. Auf ein zufäl­liges Wie­der­sehen folgen wei­tere Treffen, es wird heftig ge­flirtet und schließ­lich ents­pinnt sich zwi­schen den beiden eine lei­den­schaft­liche Lie­bes­be­zie­hung. Emma fun­giert hierbei nicht nur in in­tel­lek­tueller Hin­sicht als Men­torin für Adèle. Sie be­tritt in Lie­bes­dingen ganz neues Ter­rain.

In diesem Film steht die Ges­chlech­ter­frage, die le­di­glich bei ho­mo­phoben Au­sei­nan­der­set­zungen auf dem Schulhof kon­kret zur Sprache kommt,  eher im Hin­ter­grund. Auch wenn es be­mer­kens­wert und si­cher­lich ge­wollte Pro­vo­ka­tion ist, dass ein sol­cher Film zu einer Zeit ins Kino kommt, zu der Hun­dert­tau­sende auf Fran­kreichs Straßen gegen die Gleichs­tel­lung der Homo-Ehe pro­tes­tieren – die Ho­mo­sexua­lität dient hier vor allem als Rahmen, in­ne­rhalb dessen die  in­ten­sive Lie­bes­ges­chichte zweier junger Men­schen erzählt wird. Ke­chiche stellt viel­mehr die Suche nach Iden­tität und das Gefühl, sich fremd zu fühlen auf­grund von so­zialen Un­ter­schieden in den Mit­tel­punkt. Dies wird be­son­ders deut­lich, als Adèle in Emmas Freun­des­kreis ein­geführt wird, einem gutbür­ger­li­chen Kreis aus „hip­pen“ und krea­tiven Stu­denten und Kunst­ken­nern. Adèle, die aus eher ein­fa­chen Ve­rhält­nissen kommt,  findet Kunst zwar schön, kann al­ler­dings nicht be­son­ders viel mit den ab­ge­ho­benen Dis­kus­sionen an­fangen. Sie möchte Grund­schul­leh­rerin werden und etwas „Hand­fes­tes“ ma­chen, wäh­rend Emma davon über­zeugt ist, dass nur ein krea­tiver Beruf voll­kommen erfül­lend sein kann. Hier prallen zwei Welten au­fei­nander und das Un­verständnis, mit dem Adèle auf­grund ihres Le­ben­sent­wurfs be­ge­gnet wird, ist immer wieder deut­lich spürbar und nimmt auch in der Be­zie­hung Obe­rhand.

Die Dis­tan­zie­rung zwi­schen den beiden Frauen führt schließ­lich zum Streit und auch zur Tren­nung der beiden. Adèle, voll­kommen al­lein ge­lassen, stürzt in eine lang an­dauernde Phase des Sch­merzes und der tiefen Verz­wei­flung über den Ver­lust ihrer Part­nerin. Inz­wi­schen als Grund­schul­leh­rerin tätig, kämpft sie sich Schritt für Schritt durch den Tren­nung­ssch­merz und ge­langt schließ­lich zu einer wich­tigen Er­kenntnis: Das Leben geht weiter.

Der Re­gis­seur nimmt sich Zeit für diese Ent­wi­ck­lung, sehr viel Zeit. Er spielt mit Bli­cken, schwer aus­zu­hal­tenden Mo­menten und der un­ver­blümten Nähe der Ka­mera, welche die Kör­per­land­schaften der Dars­teller nach und nach er­kundet. Ebenso be­dient er sich unzäh­liger Me­ta­phern, wie unter an­derem der Farbe Blau, die nicht nur Emmas Haare schmückt, son­dern im ge­samten Film – wie auch in der Co­mic­vor­lage von Julie Maroh – sehr do­mi­nant ist. Sie scheint auf die vo­rherr­schende Emo­tion hin­zu­weisen: Das  „fee­ling blue“, die Me­lan­cholie, die Adèle ständig be­gleitet und die Suche nach dem feh­lenden Puzz­le­teil, das die junge Frau letz­tend­lich in Emma findet, aber auch wieder ver­liert.

Nur selten lässt ein Film den Zu­schauer so nah an die Pro­ta­go­nisten heran. Jede Pore, jeder Le­ber­fleck, jede noch so rotz­ve­rheulte Gri­masse und jeder Winkel von Adèles Körper ist uns am Ende des Dramas ver­traut. Auch bei der viel­fach kri­ti­sierten 7-minü­tigen Sexs­zene hat man das Gefühl, di­rekt im Schlaf­zimmer zu stehen. Sie mag einem viel­leicht lan­gatmig und wohlmö­glich ein wenig über­trieben vor­kommen, den­noch fügt sie sich aus dra­ma­tur­gi­scher Sicht per­fekt ins Ge­samt­bild ein, wenn man be­denkt, dass Adèle von An­fang bis Ende ohne Bes­chö­ni­gung durch jede ihrer Er­fah­rungen be­gleitet wird. Ob man dem in Les­ben­kreisen oft als lä­cher­lich und unau­then­tisch beur­teilten Sex eine Äs­thetik ab­ge­winnen kann  oder nicht, bleibt dabei jedem selbst über­lassen. Die Szene wird schließ­lich ges­chickt durch eine Rave-Se­quenz auf dem Chris­to­pher Street Day auf­gelöst, deren wum­mernde Tech­no­beats das Au­fatmen des Ki­no­saals übertönen.

Mit „La vie d’Adèle“ hat Abdel Ke­chiche ein in­ten­sives und viel­schich­tiges, we­niger be­hutsam als ra­dikal erzähltes Drama über das Er­wach­sen­werden ges­chaffen. Dabei lässt er den Zu­schauer so nah an Adèle heran, dass das Los­lassen nach Ende des Films sch­werfällt. Es bleibt die Frage: Wel­chen Weg wird sie wählen, was wird Adèles nächste große Er­fah­rung sein?

Allen fran­ko­phonen Ki­nogän­gern ist wärm­stens die Ori­gi­nal­ver­sion des Films zu emp­fehlen – die deut­sche Syn­chron­fas­sung tut dem Film leider nicht per­fekt.

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