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Die Illusion der Revolution

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In­ter­view von Ma­reen Le­debur mit Taoufiq Ize­diou 
Fotos: Ma­reen Le­debur  Aaléef

Wäh­rend des in­ter­na­tio­nalen Fes­ti­vals „Voi­cing Re­sis­tance“ im Ball­haus Nau­nyns­traße prä­sen­tierte Taoufiq Ize­diou im Juni sein So­lostück „Aa­léef“, wel­ches nicht nur die Be­zeich­nung für den ersten Buchs­taben des ara­bi­schen Al­pha­bets ist, son­dern auch „ich drehe mich“ be­deutet.

Nach seiner Solo-Per­for­mance erzählte der Ma­rok­kaner von seinem persön­li­chen Wi­ders­tand auf der Bühne, den Sch­wie­rig­keiten des zeit­genös­si­schen Tanzes in Ma­rokko und der Re­vo­lu­tion.  

Das Fes­tival „Voi­cing Re­sis­tance“ im Ball­haus Nau­nyns­traße will dem Wi­ders­tand eine Stimme geben. Warum muss Wi­ders­tand ge­leistet werden und warum muss er auf die Bühne?  
Aus ver­schie­denen Gründen. Der Tanz in Ma­rokko zum Bei­spiel ist eine Form von Pro­test. Wir haben keinen Platz zum Tanzen. Du kannst daran glauben. Ich re­sis­tiere weiter. Man muss wi­ders­tehen, es ist eine Form tan­zend zu pro­tes­tieren, gegen die Ver­gan­gen­heit, ge­zeichnet vom Neo­ko­lo­nia­lismus, dem Westen.

Un­sere Pro­ble­matik ist die Frage na­chdem, was das Ma­rok­ka­ni­sche, das Be­son­dere ist. Man ver­tei­digt nur eine neue Krea­tion. Man spricht von krea­tivem Tanz, nicht von zeit­genös­si­schem Tanz. Und natür­lich ist es ist eine Form von Wi­ders­tand, wenn du das ein­zige Fes­tival in Ma­rokko or­ga­ni­sierst und es keine Hilfe gibt.

So viele ma­rok­ka­ni­sche Cho­reo­gra­phen, viele Tänzer, die aus diesem Fes­tival her­vor­ge­treten sind. Es ist wichtig für un­sere Ge­ne­ra­tion, ge­sehen zu werden. Außerdem ist auch die Frage der Aus­bil­dung eine Form von Wi­ders­tand. Bei mir in Bezug auf meinen Körper, da ist die Re­li­gion, die Er­zie­hung, das Ara­bi­sche, viele Dinge, die Fran­ko­phonie. Und trotzdem leiste ich Wi­ders­tand.

Das Tanz­fes­tival „On mar­che“ or­ga­ni­siert ihr re­gelmäßig in Ma­rokko. Wie macht ihr das ohne fi­nan­zielle Hilfe? Wie or­ga­ni­siert und fi­nan­ziert ihr euch?

Mit meinen Tour­neen. Die meisten meiner Auf­tritte habe ich im Aus­land oder ich bin in meinem Apart­ment in Mar­ra­kesch. Ich ar­beite dort. Das ist auch eine Form von Wi­ders­tand. Oder mit der So­li­da­rität der Künstler, die gratis kommen. Ich gehe auch gratis zu ihnen. So können wir ma­chen, wo­rauf wir Lust haben, ohne Ein­fluss, ohne Er­war­tungen von auße­rhalb. Unser Tanz ver­langt Opfer, aber wir sind zu­frieden. Es ist nicht traurig. Es ist schwer, aber so ist es nun mal. Das wird für eine Weile so sein.  

Spielen die Erei­gnisse des ara­bi­schen Früh­lings vom Fe­bruar ver­gan­genen Jahres in Ma­rokko eine Rolle in deinem Tanz?  
Diese Illu­sion spielt eine Rolle. Für mich be­finden wir uns in dieser Illu­sion, die wir nicht vers­tehen. Es gibt den Wi­ders­tand und die Re­vo­lu­tion. Aber Re­vo­lu­tion ist etwas an­deres für mich. Wir leben in dieser Illu­sion, weil es nicht so ist, dass sich etwas verän­dert hat, dass sich etwas verän­dern wird. Wir sind ge­fangen in einer War­tes­chleife. Aber warten auf was? Ich weiß es nicht. Es gibt dieses Limit; die Re­vo­lu­tion ist ein Traum ge­worden. Des­wegen heißt mein neues Stück auch „Rêve-Illu­sion“, Traum-Illu­sion. Mo­mentan wird ge­rade in Eu­ropa viel über den „An­de­ren“ dis­ku­tiert. Was ist der „An­dere“ für dich?   Na der „An­dere“, das ist der, der in die Schu­blade ges­teckt wird. Der „Sch­warze“, das kann der „An­dere“ sein. Der „An­dere“ ist auch ein Mys­te­rium, die­je­nigen, die wir nicht vers­tehen, ihre Welten, an­dere Fragen. Fragen wo man lebt und all das. Oder wei­blich und männ­lich.  

Ist die Frage nach dem „An­de­ren“ auch be­deu­tend für dein Stück?
Ja, der „An­dere“ exis­tiert immer. Selbst wenn ich al­leine bin. Mein Stück ist ein Solo, aber ich bin nicht al­lein, es gibt viele an­dere Men­schen, viele Fragen, viele Dis­kus­sionen, viele Kon­flikte.  

In man­chen Län­dern ist es mo­mentan vor allem der Islam, wel­cher in den öf­fent­li­chen Dis­kus­sionen zum „An­de­ren“ stig­ma­ti­siert wird. Kann man mit Tanz gegen so etwas Wi­ders­tand leisten?  
Kunst! Für mich kann das die Kunst! Ich ver­tei­dige mehr den Tanz, weil der Körper alles und alle berührt. Und das ist näm­lich das, was Angst macht. Weil es der Körper ist, der spricht, es sind nicht mehr Pa­rolen, son­dern ein kör­per­li­ches En­ga­ge­ment. Es spricht dich vom kleinen Zeh bis zu deinen Haars­pitzen an, und voila, das be­wegt alle!

Du fragst in deiner Ein­lei­tung zu „Aa­léef“: Bin ich Ma­rok­kaner, bin ich Afri­kaner, bin ich Me­di­ter­raner, bin ich Araber - Fin­dest du eine Ant­wort auf diese Fragen?  
Ja, es gibt meh­rere von mir. Ich bin Araber, mein Vater ist Berber, für an­dere bin ich sch­warz, ich bin fran­ko­phon, ich bin auch ein Weltbürger, ich bin Tänzer. Und du spürst diese ver­schie­denen Dinge in deinem Leben, zum Bei­spiel wenn du an einem Flu­ghafen an­kommst. Wenn du deinen Aus­weis he­rau­sholst, bist du so­fort Araber. Es liegt an un­serem Blick, etwas zu än­dern.

Ich habe ge­lesen, dass nicht du den Tanz, son­dern er dich ge­funden hat. Wie hat er das an­ges­tellt?  
Aber ja, der Tanz ist ge­kommen, um mich zu su­chen, weil ich hätte mir nie­mals vors­tellen können, Tänzer zu sein. Ich bin nie­mals los­ge­zogen, um Tänzer zu werden oder habe nie­mals ge­sagt, das ist, was mich in­te­res­siert. Ich habe ge­boxt, ich hab Fuß­ball ge­spielt, Theater ge­macht. Eines Tages wollte die Thea­ter­gruppe ein Tanz­pro­jekt ma­chen und das war das erste Mal, dass ich meinen Tanzkörper ken­nen­ge­lernt habe. Trotzdem war er mir da­nach immer noch total egal. Bis mir an­ge­boten wurde, in einem Film mit­zu­ma­chen, Geld damit zu ver­dienen. Also bin ich wirk­lich hin und habe ge­tanzt, um eine Ar­beit zu haben. Später habe ich dann mein erstes Solo ver­mit­telt be­kommen. Das war der Mo­ment, an dem ich wusste, dass ich das ma­chen möchte. Weil ich nicht nur ein ein­fa­cher Tänzer war, der Ar­beit suchte, aber ein Über­bringer von etwas. So ist der Tanz ge­kommen, mich zu finden.

Und wie ist die Si­tua­tion des zeit­genös­si­schen Tanzes in Ma­rokko?
Schlecht, wirk­lich schlecht. Ich or­ga­ni­siere das Fes­tival und das ist wirk­lich eine große Auf­gabe für mich. Wir be­kommen keine Hilfe und wir leisten enorme Ar­beit. Es ist un­fair, so wei­ter­zu­ma­chen. Die ma­rok­ka­ni­schen Cho­reo­gra­phen und Tänzer touren auf der ganzen Welt, aber sie haben keinen Ort in Ma­rokko, keine Mö­gli­ch­keit ihre Ar­beit zu ver­breiten. Selbst in der Kul­tur­po­litik gibt es keine Pers­pek­tive für den zeit­genös­si­schen Tanz. Wir haben eine Aus­bil­dung, aber es ist wirk­lich sch­wierig. Es gibt keine Ar­beit und das be­deutet, dass man sich immer an einen Ort im Aus­land zurü­ck­zieht. Und der Tanz ge­langt nicht in die Öf­fent­li­ch­keit, man sieht nichts davon. Jedes Mal müssen wir zwei, drei Jahre ve­rhan­deln und dann wieder von Null be­ginnen. Jedes Jahr nach dem Fes­tival von Null be­ginnen; nichts ist beständig, nichts.  

Welche Rolle spielt das Pu­blikum?  
Wir haben ein großes Pu­blikum. 2003 bis 2005 haben wir fast die 500 Per­so­nen­marke er­reicht. Wir ma­chen auch etwas, dass wir „Tanzen gegen Ver­sor­gung“ nennen. Wir tanzen bei den Fa­mi­lien und das hat un­glau­bliche viele Fa­mi­lien zu­sam­men­ge­bracht. Sie be­reiten das Essen vor, die Bühne, den Sound und laden das Pu­blikum ein. Wir kommen und tanzen und essen und dis­ku­tieren über Kunst. Das bringt viele Men­schen zum Tanz. Es gibt die Men­schen, die so etwas su­chen. Wir haben die Ausländer, die Tanz sehen wollen, aber es gibt kein reales Pro­jekt für diese Kunst.

Liegt es also al­lein an der Po­litik zu Han­deln?  
Natür­lich. Man muss wissen, dass hier ein In­te­resse mit­spielt. Ma­rokko ist wirk­lich ein tou­ris­ti­sches Land, mit tra­di­tio­nellen Tänzen, Essen, Ke­ramik und so weiter. Das ist gut, aber es ist wichtig, auch unser mo­dernes Bild zu ver­mit­teln. Ma­rokko bes­teht nicht nur aus Ka­melen. Es gibt Krea­tive, Men­schen die etwas er­finden, die einen an­deren Blick haben.  Das muss man be­wusst wahr­nehmen. Cho­reo­gra­phen, Fil­me­ma­cher, Künstler, Vi­deokünstler, Kostüm­bildner – sie alle sind auch Teil un­seres Landes. Auf jeden Fall aber ist es der Tanz, für den nicht genü­gend Geld vo­rhanden ist. Für die Tänzer ist es wirk­lich sch­wierig.    

Denkst du, es bes­teht eine Angst vor dem, was der Körper zeigen kann?  

Aaléef Ja, ich glaube, dass das eine Frage des Kör­pers ist. Der Körper ist gefähr­lich. Tanzen ist nicht ver­boten in Ma­rokko, aber Tanz zu zeigen, kann   Pro­bleme auf­werfen. Zum Bei­spiel wenn ein Mann eine Frau auf der Bühne berührt, oder ein Mann einen Mann.  Außerdem be­deutet zu tanzen, sich mit dem In­di­vi­duum zu bes­chäf­tigen. Wir aber leben in einer Ge­sell­schaft, in der Fa­milie sehr wichtig ist und wo das  starke In­di­vi­duum dem System gefähr­lich werden kann, weil es die wirk­li­chen Fragen stellt, nach Exis­tenz und Gleich­ge­wicht und all dem.    
Jede Ge­ne­ra­tion hat ihr ei­genes Wi­ders­tand­spo­ten­tial. Was ist unser Wi­ders­tand von heute?    
Mein Tanz, das ist ein Exis­tenz­tanz, ich bes­tehe da­rauf, so zu tanzen. Ich möchte nicht den schönen Tanz, ich möchte nicht Auslän­dern ge­fallen,   ma­chen, was sie wollen, was sie sich von der ara­bi­schen Welt vors­tellen. Oder von der Re­vo­lu­tion, die wird kom­mer­zia­li­siert.  Wenn die Re­vo­lu­tion einmal statt­ge­funden hat, muss man eine an­dere Sache ma­chen. Die Re­vo­lu­tion ist ein Teil, aber un­sere Suche ist tief­grün­diger als das. Die Re­vo­lu­tion ist nur eine Pas­sage. Die Ges­chichte meines Stücks „Rêve-Illu­sion“ macht genau das: sie sagt, dass das, was pas­siert, keine Re­vo­lu­tion ist, dass es etwas an­deres ist - bis jetzt näm­lich nur die Be­freiung für einen Mo­ment. Die Re­vo­lu­tion aber kommt später.

In­ter­view am 13.06.2012 in Berlin durch­geführt.

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