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"Ziemlich beste Freunde": Vom Ohrenlecken und Gleitschirmfliegen

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Von Bar­bara Sch­mi­ckler
Fotos: www.fran­zoe­si­sche-film­woche.de

Driss und Philippe unterwegsZuerst sieht der Zu­schauer nur seine dunklen Augen, seine Hände, die fest das Len­krad um­schließen und den Wagen, der viel zu sch­nell an­dere Autos übe­rholt. „Sie sind in Form“, merkt Phi­lippe an. Driss lacht. Die beiden so un­ter­schied­li­chen Männer ver­bindet eine un­gewöhn­liche Freund­schaft, die der Film „Ziem­lich beste Freunde“ erzählt. In den Haup­trollen spielen Fran­çois Cluzet (Phi­lippe) und Omar Sy (Driss). Regie führten Eric To­le­dano und Oli­vier Na­kache. 


In Deut­schland ist der Film „Ziem­lich beste Freunde“ am 5. Ja­nuar ges­tartet, das Stück hatte al­ler­dings schon einen Monat vor dem of­fi­ziellen Film­start in Deut­schland seine Pre­miere als Eröff­nung­sfilm der Franzö­si­schen Film­woche in Berlin ge­feiert. Im Ori­ginal heißt der Film „In­tou­cha­bles“ und ist mit 2,2 Mil­lionen Zu­schauern in der ersten Woche er­fol­greich in Fran­kreich ges­tartet.


„100 Euro, dass ich sie abhänge?“, sagt Driss, Phi­lippe nickt. Driss setzt das Auto in Be­we­gung, los geht’s. Driss schlän­gelt sich mit Phi­lippes Ma­se­rati an den fah­renden Autos vorbei, doch die Po­lizei ist ihnen dicht auf den Fersen, stoppt den Wagen. „Hände auf den Küh­ler“, schreit ein Beamter. Driss steigt aus, hebt die Hände. „Sie auch!“, schreit der Beamte Phi­lippe an. „Er kann nicht, er ist quer­sch­nitts­gelähmt“, er­wi­dert Driss. Ein zweiter Beamter schaut in den Wagen, sieht Phi­lippe auf dem Bei­fah­rer­sitz, er wim­mert, Spucke läuft über seinen Bart. „Er hat einen An­fall!“, schreit der eine Beamte. „Wir es­kor­tieren Sie ins Kran­ken­haus“, ruft der an­dere. Kurze Zeit später bringt Driss den sch­warzen Ma­se­rati vor dem Kran­ken­haus zum Stehen. Ein Po­li­zist kommt zu Driss: „Sie bringen Ihnen gleich eine Trage.“ Die Po­li­zisten fahren weiter, Driss zündet sich eine Zi­ga­rette an, nimmt ein Ta­schen­tuch und wi­scht Phi­lippe den Sabber weg. „Wi­der­lich!“, schimpft er. „Was ma­chen wir jetzt?“, fragt Phi­lippe, der den An­fall nur vor­getäu­scht hatte. Phi­lippe ist vom Kopf abwärts gelähmt. „Über­lassen Sie das mir“, sagt Driss, zündet den Motor an und fährt los. Die Sa­nitäter mit der Trage können dem Ma­se­rati nur noch nach­schauen.


Blick in die Ver­gan­gen­heit

Der Film be­ginnt, wie er endet. Wie kommt es zu der engen Be­zie­hung zwi­schen Driss, der als Kind aus dem Se­negal von seiner Tante und seinem Onkel nach Fran­kreich ge­holt wurde, und zu Phi­lippe, der stein­reich, aber auf fremde Hilfe an­ge­wiesen ist? Nach dem ra­santen Eins­tieg gewähren die Re­gis­seure einen Blick in die Ver­gan­gen­heit. 


In Jeans, mit Ka­pu­zen­shirt und Le­der­jacke sitzt Driss im schi­cken Haus von Phi­lippe zwi­schen an­deren Be­wer­bern im Anzug. Phi­lippe sucht je­manden, der ihn ständig be­treut. Warum sich die Leute be­werben? Es ist das Geld, das Viertel, die Al­tenp­flege, die sie reizt. Am liebsten hätte Driss die Nummer von Phi­lippes ro­thaa­riger Se­kretärin, der Job selbst in­te­res­siert ihn nicht. Er möchte nur eine Un­ter­schrift, damit er zeigt, dass er sich um einen Job bemüht und seine Ar­beits­lo­se­nun­terstüt­zung be­kommt. Phi­lippe wird auf­merksam auf den großmäu­ligen und kräf­tigen Driss und pro­vo­ziert ihn: „Ich wette, Sie halten keine zwei Wo­chen aus!“. Wi­der­willig tritt Driss die Stelle in dem teuren Pa­riser Ar­ron­dis­se­ment an. Wo soll er auch hin? Er ist ge­rade aus dem Gefän­gnis ent­lassen worden, seine Tante hat ihn raus­ges­ch­missen. Nun hat ein Zimmer mit Ba­de­wanne, Büsten und großen Gemälden. 
Eine Kran­ken­sch­wester zeigt Driss, wie er Phi­lippes Beine be­wegen muss, wie er ihn in den Roll­stuhl setzen und füt­tern soll. Driss schläft bei der Ein­wei­sung ein. Er wä­scht Phi­lippe die Haare und fragt: „Soll ich einen Di­plom als Kos­me­tiker ma­chen?“. Er lernt, Phi­lippe die Stützs­trümpfe an­zu­ziehen und ver­sucht immer wieder, Phi­lippes ro­thaa­rige Se­kretärin an­zu­bag­gern. Ver­ge­bens. 


Driss be­gleitet Phi­lippe ins Mu­seum, ge­meinsam schauen sie sich ein Bild an, das rote Farbe auf weißem Un­ter­grund zeigt. Die Dame vom Mu­seum nennt den Preis: 30.000 Euro. „Der Typ hat Na­sen­bluten und will dafür 30.000 Euro?“, fragt Driss und kann nicht vers­tehen, wie Phi­lippe dafür so viel Geld aus­geben kann. Draußen ist es ver­sch­neit, Driss schießt ein paar Sch­nee­ku­geln durch den Garten, als Phi­lippe nach den Mu­seum­sbe­such im Res­tau­rant auf einen Freund trifft. Dieser möchte ihn vor Driss und dessen Her­kunft warnen. Phi­lippe in­te­res­siert das nicht, Driss sei genau der Rich­tige, denn: „Ich will kein Mit­leid.“

"Das wird schon wieder"

Mit viel Humor und Sorg­falt küm­mert sich Driss um Phi­lippe. Nachts hört er über das Ba­by­phone, dass Phi­lippe einen An­fall hat, er eilt zu ihm, spricht ihm Mut zu und macht ihm Wi­ckel. „Das wird schon wie­der“, sagt er. Phi­lippe möchte an die fri­sche Luft und Driss schiebt ihn wie selbst­verständ­lich um vier Uhr nachts die Seine ent­lang. Driss lässt ihn an seiner Zi­ga­rette ziehen. Als zwei Ma­de­moi­selles an ihnen vorbei ziehen, ges­teht Phi­lippe, dass er gerne wieder eine Frau hätte. Ob er noch etwas spüren könnte, will Driss wissen. Und Phi­lippe ant­wortet, es gebe an­dere Mö­gli­ch­keiten, Ohren seien eine sehr ero­gene Zone. Driss ist beein­druckt, übers Oh­ren­le­cken hatte sich der großmäu­lige Mann noch keine Ge­danken ge­macht. Wäh­rend der Film läuft, sorgen genau diese Szenen immer wieder für La­cher im Pu­blikum. 


Die Zu­schauer beo­bachten Driss und Phi­lippe, wie sie in ein Café gehen. Dort erzählt Phi­lippe von seinem Un­fall beim Gleit­schirm­fliegen. Ein Un­wetter war schuld, dass er sich die Hals­wirbel drei und vier brach und nun vom Hals abwärts gelähmt ist. Viel schlimmer als seine Be­hin­de­rung ist für ihn al­ler­dings, dass er nicht mehr mit Alice zu­sammen sein kann. Phi­lippe sehnt sich nach einer Frau und führt einen Brief­wechsel mit einer Französin aus Nord­fran­kreich. Driss macht seine Witz­chen, als er die ro­thaa­rige Se­kretärin und Phi­lippe dabei beo­bachtet, wie er ihr den Brief an seine Flamme dik­tiert. Driss vers­teht nicht, wieso Phi­lippe sie nicht an­ruft, nimmt sein Te­lefon, wählt ihre Nummer und ruft sie an. So hilft Driss Amor ein wenig auf die Sprünge. 
Driss und Philippe sind Wäh­rend Driss in der Ein­lie­ger­woh­nung bei Phi­lippe wohnt, be­ginnt er zu malen. Ins­pi­riert von der roten Farbe auf Weiß, die Phi­lippe für so viel Geld ge­kauft hat, malt er etwas. Phi­lippe schwärmt einem Freund von dem un­be­kannten Künstler vor und ver­kauft das Erst­ling­swerk von Driss für 11.000 Euro. „Ich habe di­rekt das Ges­chäft ge­wit­tert, was in der Kunst steckt“, sagt Driss sch­mun­zelnd. 
Das Gleit­schirm­fliegen war schon immer Phi­lippes große Lei­den­schaft.  Driss hilft ihm, dass er noch einmal Fliegen kann. Und Driss selbst soll auch springen, ihn kostet das al­ler­dings Über­win­dung. Pas­send zum Mu­sik­text „It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life“ traut sich Driss… und ist be­geis­tert. „Pu­tain!“, ruft er. Das sollte nicht das letzte Mal sein, das die beiden zu­sammen abheben. Driss be­gleitet Phi­lippe auf einem Flug in seinem Pri­vatjet, und auch hier hat er zunächst Sorge. „Es ist wie bei den Ken­nedys bei Ih­nen“, merkt Driss an. „Nicht, dass wir auch abstürzen.“ Und wieder gibt es Gelächter im Pu­blikum. Immer wieder be­geis­tert Driss mit seinen Witz­chen und fre­chen Sprü­chen: „Wo sitzt der Quer­sch­nitts­gelähmte? Da, wo man ihn ge­lassen hat.“ Auch Phi­lippe lacht über die Sprüche. 


Doch im Ver­lauf des Films holt Driss seine Ver­gan­gen­heit ein. Er muss zurück nach Hause, sich dort küm­mern. Die Bilder bei Phi­lippe glei­chen sich. Er sucht einen neuen Helfer, findet einen, der ihn im Kittel füt­tert und ihm keine Zi­ga­retten geben möchte. Von ihm möchte sich der reiche Mann nicht helfen lassen. „Sortez!“, brüllt er seinen Be­diens­teten an, als dieser nachts zu ihm eilt, um ihm bei einem An­fall zur Seite zu stehen. Phi­lippes Bart wächst, er lässt sich gehen. „War Zeit, dass ich komme“, sagt Driss, als er seinen alten Ar­beits­platz be­sucht. „Was ma­chen wir jetzt?“, fragt Phi­lippe und Driss ant­wortet: „Über­lassen Sie das mir.“ Ge­meinsam fahren sie ans Meer, Frei­heit. Driss ra­siert Phi­lippe. Zuerst ra­siert er ihm einen klei­neren Bart, dann einen Schnäuzer, dann hat er nur noch ein paar Barts­toppel. Hier zeigt sich, wie an­ge­wiesen Phi­lippe auf Hilfe ist, aber auch, mit wel­chem Humor Driss dieser Si­tua­tion ent­gegen tritt.  
Driss fährt Phi­lippe in seinem Roll­stuhl ins Res­tau­rant. „Ich werde heute nicht mit Ihnen es­sen“, sagt er zu Phi­lippe, der ihn un­gläubig an­schaut. Driss zwin­kert ihm zu, verlässt das Res­tau­rant und zieht von dannen. Kurz da­rauf er­scheint die Frau, mit der Phi­lippe so lange Briefe ges­chrieben und te­le­fo­niert hat. Sie strahlt ihn an. Wie es weiter geht? Der Film endet an dieser Stelle, ein­ge­blendet wird, dass beide Männer hei­raten und Kinder be­kommen. Wie es genau, bleibt offen. 
„Der Film bes­chreibt char­mant die Freund­schaft zwi­schen zwei so un­glei­chen Ty­pen“, sagt eine Be­su­cherin, die den Film wäh­rend der Franzö­si­schen Film­woche be­sucht hat. Eine an­dere sagt: „Ich bin total beein­druckt. Bei Driss wusste man nie, was er als nächstes tut, das hat mich fas­zi­niert“, sagt sie.

Die Ges­chichte von Driss und Phi­lippe be­ruht auf einer wahren Be­ge­ben­heit. Die beiden Re­gis­seure Eric To­le­dano und Oli­vier Na­kache waren von einem Do­ku­men­tar­film über Phi­lippe und Driss so beein­druckt, dass sie den Stoff ver­filmen wollten. Das Er­gebnis ist se­hens­wert. Die Ges­chichte bes­ticht mit ihrer Leich­tig­keit. Ein Rendez-vous mit der ro­thaa­rigen Se­kretärin von Phi­lippe be­kommt Driss übri­gens nicht. Als Driss nochmal bei Phi­lippe vor­bei­schaut, ist sie ge­rade dabei, in Driss‘ alte Ein­lie­ger­woh­nung zu ziehen. Bei ihr zu Hause gab es einen Was­ser­schaden. Und sie wird nicht al­leine ein­ziehen, son­dern ge­meinsam mit ihrer Le­bens­gefährtin. Driss nimmt’s mit Humor, gibt ihr keinen Bisou mehr, son­dern schüt­telt ihr artig die Hand. Dann geht er nach Hause, in Jeans, mit Ka­pu­zen­shirt und Le­der­jacke.

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