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"Du geisteskrankes Mädchen"

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Von Lisa Digée
Deut­sche Über­set­zung Anna Maria Or­tese
Foto Lisa Digée

„Leben um zu essen oder essen um zu leben?“ Die Ant­wort auf diese Re­den­sart än­dert sich je nach Men­ta­lität und ge­sell­schaft­li­cher Schicht. Ebenso ist sie je­doch vom Ess­ve­rhalten abhängig. Ei­nige würde even­tuell den Satz in „Leben ohne zu es­sen“ um­for­mu­lieren. Spre­chen wir also über die­je­nigen, die Tag für Tag gegen die Nah­rung­sauf­nahme sowie gegen ihr Ge­wicht kämpfen – die Ma­gersüch­tigen.

„Du geis­tes­krankes Mäd­chen!“ Es waren diese tief­grei­fenden Worte, die wie eine Bes­chul­di­gungen klangen und das 14-jäh­rige Mäd­chen, wel­ches ich war, zu­tiefst ver­letzt haben. Ma­ger­sucht ist kein Sy­nonym für eine schlanke Figur, wie eine Groß­zahl von Men­schen glaubt und wie es in zahl­rei­chen Me­dien ver­mit­telt wird. Dieser Mensch sagte, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen: „Du armes Ding, du bist Geis­tes­krank“.

Selbst­verständ­lich ist die Ma­ger­sucht eine Kran­kheit. Fe­nau­ge­nommen gibt es sie in zwei Arten. Eine Form äußert sich durch das Ver­sch­winden von Ap­petit äußert, wäh­rend es sich bei der an­deren um eine „psy­chisch be­dingte Essstö­rung“ han­delt, so die franzö­si­sche Web­site „Santé mé­de­cine“.

Al­ler­dings ist die Idee­nas­so­zia­tion „du bist schlank dem­zu­folge bist du ma­gersüch­tig“ nur eines der zahl­rei­chen Kli­schees der Ma­ger­sucht. Vom Otto Nor­mal­ver­brau­cher  wird diese Kran­kheit oft ver­kannt. Oft hat man, wenn man an Ma­gersüch­tige denkt, das Bild einer aus­ge­mer­gelten Person, die beküm­mert aus­sieht.  Gu­cken wir uns im fol­genden ei­nige wich­tige Daten an, um zu be­greifen, wer die Ma­gersüch­tigen sind und wieso es sich bei ihrer Kran­kheit eben nicht ein­fach nur um eine sehr strenge Diät han­delt.

Wer sind die Ma­gersüch­tigen?
In Deut­schland sind 150 000 bis 200 000 Men­schen ma­gersüchtig, wäh­rend in Fran­kreich bis zu 230 000  be­troffen sind.  Stu­dien be­legen, dass 90 bis 97% der Be­trof­fenen Frauen sind. Früher war es mö­glich ein sehr spe­zi­fi­sches Profil der Ma­gersüch­tigen auf­zus­tellen. In der Regel waren es näm­lich junge Mäd­chen aus west­li­chen Ge­sell­schaften, die aus dem Bür­gertum oder der Mit­tel­schicht stammten, die in der Uni waren. Mit­tler­weile ents­pricht dieses Profil nicht­mehr der ge­genwär­tigen Rea­lität. Ent­wi­schen gibt es auch in Japan, China, In­dien, Sü­da­frika, Tan­sania und Sü­da­me­rika nach und nach immer mehr Men­schen die ma­gersüchtig werden. Im Ok­zi­dent ver­breitet sich die Kran­kheit ins­be­son­dere unter den be­nach­tei­ligen Ge­sell­schafts­schichten und bei Men­schen mit Mi­gra­tion­shin­ter­grund. In­so­fern ist fest­zus­tellen, dass die psy­chisch be­dingte Essstö­rung mit­tler­weile alle Ge­sell­schafts­schichten be­trifft. Je­doch gibt es in den ver­schie­denen Schichten un­ter­schied­liche Er­schei­nung­sformen. Laut Ni­colas Sahuc, Mit­glied der As­so­zia­tion AFDAS-TCA (As­so­cia­tion Fran­çaise pour le Dé­ve­lop­pe­ment des Ap­pro­ches Spé­cia­li­sées des Trou­bles du Com­por­te­ment Ali­men­taire) gibt es  die Ma­ger­sucht, die „sich je nach Mi­lieu un­ter­schei­den“ und den­noch alle die „Symp­to­matik der Essstö­rung“ bein­halten.

Die Auslöser
Man ver­mutet, dass es drei Arten von Auslöser geben kann, näm­lich ge­sell­schaft­liche, so­ziale und bio­lo­gi­sche. Letztes kann je­doch laut Sahuc nicht als Haup­tauslöser be­trachtet werden. Es gibt bes­timmte Kon­texte, die das Auf­treten von Ano­rexie fa­vo­ri­sieren. Bei­spiels­weile können Fak­toren wie „Trauer, Tren­nungen, Umzüge“ usw. als Auslöser ge­deutet werden. Bei einer Person, die be­reits an­ge­fangen hat, auf ihr Ge­wicht zu achten, können solche „Fak­toren schließ­lich hin­zu­kommen und das Pro­blem her­vor­treten las­sen“. Ins­be­son­dere bei Fa­mi­lien, in denen das Thema der Essstö­rungen oft prä­sent ist, sind häufig be­troffen.

Die Folgen
Die psy­chisch be­dingte Ma­ger­sucht wird durch die Lust nach Ge­wichts­ver­lust cha­rak­te­ri­siert, die lang­wie­rige und pe­nible Ans­tren­gungen er­for­dert und zu dra­ma­ti­schen Folgen führen kann. Die ma­gersüch­tige Person ver­rin­gert dras­tisch ihre Mahl­zeiten, sie treibt sehr viel Sport. Im schlimm­sten Fall fängt sie an sich re­gelmäßig zu über­geben, Abführ­mittel oder an­ti­diu­re­ti­sche Mittel ein­zu­nehmen. Das kann bis hin zu plötz­lich auf­tre­tenden Bu­li­mie­krisen führen. Der Ge­wichts­ver­lust und die ex­tremen Nährs­toff­ka­renzen ve­rur­sa­chen eine tro­ckene Haut sowie Haa­raus­fall und Aus­bleiben der Blu­tungen bei Frauen und Un­terküh­lung des Kör­pers. Schließ­lich kann das bis hin zur Un­frucht­bar­keit führen. Nach sechs Mo­naten Ma­ger­sucht stellt man bei den jün­geren Be­trof­fenen eine Ver­min­de­rung der Kno­chen­masse, die bis zur Brü­chig­keit und im ex­tremen Fällen zu Os­teo­po­rose führt. Ebenso wird die Mus­kel­masse ab­ge­baut, wes­wegen das Herz lang­samer schlägt und zu Bra­dy­kardie führen kann.

Die Be­hand­lung
Man nimmt an, dass circa jeder zweite Person, die Ma­gersüchtig ist wieder ge­sund wird. Die Be­trof­fenen werden am­bu­lant oder durch län­gere Au­fen­thalte in pri­vaten oder öf­fent­li­chen Kran­kenhäu­sern be­han­delt. In we­niger drin­genden Fällen werden die Pa­tienten zu­sammen mit an­deren in spe­zia­li­sierten Zen­tren be­han­delt, wie (Kinder-)Psy­chia­trien, von Psy­cho­logen oder auch von All­ge­meinärzten und Pä­dia­trien. Laut der franzö­si­schen Behörde für Ge­sund­heits­fragen (Haute Au­to­rité de Santé: HAS) wird „emp­fohlen min­des­tens ein Jahr lang nach den ersten Ver­bes­se­run­gen“ eine Psy­cho­the­rapie zu ma­chen. Um fest­zu­legen für wen, welche Be­hand­lung in Frage kommt gibt es eine Ta­belle, in der je nach Alter des Pa­tienten und der Drin­gli­ch­keit der Be­hand­lung ab­ge­wogen wird, was an­ge­messen ist. Bei einer ju­gend­li­chen Person, wei­bli­chen Ges­chlechts „wird die Diag­nose der psy­chisch be­dingte Ano­rexie dann ge­geben, wenn es sich um ein Fall "3A" han­delt. Das heißt: zurück­hal­tendes Es­se­ve­rhalten, wel­ches teil­weise auf Ap­pe­tits­lo­sig­keit zurü­ck­zuführen ist und einen ex­tremen Ge­wichts­ver­lust bein­haltet sowie Ame­norrhö. Bei einer ju­gend­li­chen Person, männ­li­chen Ges­chlechts ist hin­gegen ein ex­trem­ra­santer Ge­wichts­ver­lust aus­schlag­ge­bend für eine Be­hand­lung.

Wie geht die Hei­lung von statten?
Die Ma­ger­sucht muss mit ärzt­li­cher Hilfe an­ge­gangen werden und sollt unter großer Teil­nahme der Fa­milie statt­finden, da diese eine sehr wich­tige Rolle in diesem Zu­sam­men­hang spielt. Die Hei­lung findet laut Ni­colas Sahuc durch eine „Ent­per­so­na­li­sie­rung der Essstö­rung“ statt. Die Nah­rung­smittel, die mit „light“ ge­kenn­zeichnet sind, sollten ver­boten werden. "Schließ­lich muss all­ge­mein da­rauf geachtet werden, dass das Thema Essstö­rungen so wenig wie mö­glich bei Tisch be­han­delt wird. Man muss sich auf die be­trof­fene Person und nicht auf die Kran­kheit kon­zen­trie­ren“, so Sahuc. Eine Art Fa­mi­lienrat in der die Fa­mi­lien und der oder die Partner/in zu­sam­men­kommen ist nütz­lich. Es ist wichtig, die be­trof­fene Person an den Punkt zu bringe, an dem sie selbst die Vor­teile einer Hei­lung er­kennt und diese er­rei­chen möchte. In den schlimm­sten Fällen, dann wenn der Kör­per­maßindex unter 15 oder 14 liegt muss die Person vo­rerst künst­lich ernährt werden, so­dass der Körper übe­rhaupt im Stande ist sich zu re­ge­ne­rieren und so­dass der Mensch nicht­mehr in Le­bens­ge­fahr sch­webt.

Denn ja, die Ma­ger­sucht kann zum Tod führen. Im Jahre 2012 sind in Deut­schland al­lein 70 Men­schen daran ges­torben. Aber der Grund, we­shalb diese Men­schen an Ma­ger­sucht sterben ist nicht hauptsä­chlich die Tat­sache, dass sie un­te­rernährt sind oder an Fol­ge­kran­kheiten leiden. Der wahre Grund ist: sie be­gehen Selbst­mord. 

Danke an Ni­colas Sahuc und die As­so­zia­tion AFDAS-TCA 

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