duett.fr


Heiße Suppe, warme Worte

E-Mail Drucken PDF
Beitragsseiten
Heiße Suppe, warme Worte
Reportage Obdachlosenhilfe Seite 2
Von Mi­chelle Trim­born
Franzö­si­sche Über­set­zung Aimie Bouju
Bild Mi­chelle Trim­born

Neues Jahr, neue Vorsätze. Ist es nicht end­lich an der Zeit, etwas Gutes zu tun? Ja! Und wie? Vor der ei­genen Haustür aktiv zu werden ist besser und schöner als Geld zu spenden. Mi­chelle Trim­born hat einen Tag lang mit der Ber­liner Ob­da­chlo­sen­hilfe die Sup­pen­kelle ges­ch­wungen. 

Helfen ist doch so ein­fach!“, ist ein Satz, den ich an diesem Tag noch oft hören werde, wäh­rend ich ein Team der „Ber­liner Ob­da­chlo­sen­hilfe“ bei einer Hilf­stour be­gleite. Zu­min­dest einen Teil derer in Berlin, die eine warme Mahl­zeit, neue Klei­dung und ein Ges­präch brau­chen, wollen wir genau damit ver­sorgen.

Am frühen Nach­mittag trifft sich die Gruppe. Mit mir zu­sammen sind es heute neun Leute. Die Suppe wurde be­reits vor­ge­kocht, zu tun gibt es den­noch genug. Beim Gemüse sch­neiden erzählt mir Achim, zweiter Vor­sit­zender der Ber­liner Ob­da­chlo­sen­hilfe, von den Anfängen des Ve­reins in Grün­dung. Im Sep­tember 2013 haben ei­nige Helfer, die zuvor be­reits Ob­da­chlose un­terstützt haben, eine ei­gene Ini­tia­tive ins Leben ge­rufen und erste Hilf­stouren durch­geführt. „Helfen ist ein­fach“, das ist ihr Slogan. Inz­wi­schen gibt es so viele Spenden und zu­verläs­sige Helfer, dass drei Mal wö­chent­lich Le­bens­mittel und Klei­dung auf der Straße aus­ge­geben werden können.

Über Fa­ce­book habe ich von dieser Gruppe er­fahren“, be­richten meh­rere Helfer. Neben der Mund-zu-Mund-Pro­pa­ganda ist das so­ziale Netz­werk das wich­tigste Me­dium, um an­dere Men­schen auf die Ob­da­chlo­sen­hilfe auf­merksam zu ma­chen. Spenden kommen nicht nur von dort, son­dern werden bei Su­per­märkten oder Bä­cke­reien ab­ge­holt. Auch von der Food­sha­ring-Be­we­gung pro­fi­tiert die Ob­da­chlo­sen­hilfe. An Le­bens­mit­teln man­gelt es tatsä­chlich nicht. Heute wird ei­niges sogar auf Vorrat zu­be­reitet und ein­ge­froren, für kom­mende Touren.

Neben Essen und warmem Tee bieten wir ein­fach auch Ges­präche.“

Was ich bi­sher über Ob­da­chlo­sig­keit wusste war das, was ich im Vorü­ber­gehen sehen konnte: nicht sehr viel. Aber jetzt lerne ich aus der Praxis. Achim erklärt mir, dass er gut ab­schätzen kann, was Ob­da­chlose brau­chen und was nicht. „In den acht­ziger Jahren habe ich selber vier Jahre lang auf der Straße ge­lebt. Da weiß ich ein­fach, Schrippen be­kommt man übe­rall, aber so eine Scheibe rich­tiges Brot, die hätte ich den Leuten da­mals am liebsten aus der Hand ge­rissen!“ Und so werden be­son­ders viele Brote ges­ch­miert. Beim Obst­sch­neiden frage ich mich, ob es nicht prak­ti­scher wäre ganze Äpfel mit­zu­nehmen. Die Ant­wort klingt lo­gisch: „Un­sere Gäste haben eher Ku­chenzähne. Darum gibt’s auch immer Suppe. Die können alle essen.

„Gäste“, das muss ich mir merken. So werden die Men­schen, denen wir helfen, ge­nannt. Nie­mand soll sich durch die Be­zeich­nung „Ob­da­chlo­ser“ be­lei­digt oder ab­ge­wertet fühlen. Zur Ar­beit der Helfer gehört aber mehr als das Be­wirten der Gäste. „Geh mal einen Tag von 6 bis 22 Uhr aus dem Haus, ganz ohne Geld, Handy und so. Dann weißt du ein bis­schen, wie sich ein Ob­da­chloser fühlt. Das Schlimmste auf der Straße sind Ein­sam­keit und Lan­ge­weile.“ Des­wegen geht es hier nicht nur um heiße Suppe, son­dern vor allem um warme Worte. Ich solle später nicht schüch­tern sein, viele freuen sich über einen Plausch. Ich bin ges­pannt, ob das tatsä­chlich so ein­fach wird.

Mo leitet die Hilf­stour an. Mit Che­ck­listen in der Hand sitzt er mir und zwei an­deren Neu­lingen ge­genüber. Er erklärt uns, dass wir heute zum Leo­pold­platz, zum Alexan­der­platz und zum Kott­busser Tor fahren werden, um die Spenden zu ver­teilen. Wir können dann bei der Es­sen­saus­gabe helfen oder zu Fuß eine Tour um den je­wei­ligen Platz ma­chen, um Ob­da­chlose auf uns auf­merksam zu ma­chen. „Aber bitte nie al­leine und am besten immer ein Mann und eine Frau zu­sammen.“ Und: „Wenn ihr krank seid, bleibt besser zu Hause, wir han­tieren ja mit Le­bens­mit­teln. Einmal-Hand­schuhe sind immer Pflicht!“ Ich bin ers­taunt darüber, wie gut alles or­ga­ni­siert ist. Es ist ein Ve­rein von Frei­willigen, aber si­cher keine uns­truk­tu­rierte Laien­truppe.

Man weist uns eben­falls da­rauf hin, immer vor­sichtig zu sein. Oft sind Men­schen al­ko­ho­li­siert oder stehen unter dem Ein­fluss an­derer Drogen. „Da weiß man eben nie, wie je­mand rea­giert.“ Ges­chehen sei auf den bi­she­rigen Touren je­doch nichts. Das Schlimmste was ihm persön­lich auf einer Tour pas­siert sei? „Ein aus­ges­treckter Mit­tel­finger – weil je­mand sich davon be­lei­digt fühlte, dass ich als Mit­glied einer Ob­da­chlo­sen­hilfe meine Un­terstüt­zung an­ge­boten habe." Damit kann ich um­gehen, denke ich. Res­pekt und Vor­sicht scheinen hier an­ge­bracht – Angst hin­gegen nicht.



Letzte Kommentare

Letzte Nachrichten im Forum

Konnexion