Wie sexy darf Emanzipation sein?

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www.flickr.com ©acahaya

Von Ro­mana Bar­tels
Über­set­zung Cyril Quillien
Foto  © aca­haya, www.aca­haya.com

We­nige Wo­chen nach der auf­schrei!-Be­we­gung und kurz vor der na­henden Frauen­quote sind Frauen­rechte wieder ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit gerückt. Trotzdem halten viele, Frauen wie Männer, die Gleichs­tel­lung zwi­schen den Ges­chlech­tern für voll­bracht. Eine ziem­lich op­ti­mis­ti­sche Ein­schät­zung.

 Warmes Licht, ein nackter Bauch mit verfüh­re­ri­scher Taille, dunkel ge­hauchte Wörter, me­lo­di­scher Ak­zent. Dieses Kli­schee der Französin be­wirbt nicht nur er­fol­greich ein deut­sches Bier­fa­brikat, es ist auch in deut­schen Köpfen weit ver­breitet. Es ist das Bild einer Frau, die mit ihrer Wei­bli­ch­keit und ihrer Reizen spielt. We­niger wi­ders­pie­gelt es hin­gegen Stärke, Durch­set­zung­svermögen oder Unabhän­gig­keit.  Dabei han­delt es sich hier um Ei­gen­schaften, wie sie eine an­dere berühmte Französin, die Phi­lo­so­phin und Schrifts­tel­lerin Si­mone de Beau­voir vor über fünfzig Jahren als eine Vor­den­kerin der Frauen­be­we­gung de­mons­triert hat. Ihre in der Be­zie­hung zu Sartre öf­fent­lich vor­ge­lebten Ideen einer gleich­be­rech­tigten Part­ner­schaft und ihre Schrift über das An­dere Ges­chlecht be­geis­terten unzäh­lige Mäd­chen in Deut­schland, Fran­kreich und der Welt. Von einem ähn­lich guten Ruf kann Alice Sch­warzer nur träumen in Zeiten, in denen Fe­mi­nismus zum Schimpf­wort ge­worden ist.

Ein häu­figer Vor­wurf an junge Mäd­chen von heute bes­teht darin, mit den erkämpften Er­run­gen­schaften der Frauen­be­we­gung nicht be­wusst um­zu­gehen und sich wieder in eine män­ner­ge­machte, me­dien­be­wor­bene und über­sexua­li­sierte Rolle zu be­geben. Und eines ist richtig:

Fe­mi­nismus der alten Schule ist nicht po­pulär. Fern­seh­shows über Nach­wuchs­man­ne­quins kennen mehr Er­folg als Sch­war­zers Zeit­schrift „Emma“. Trotzdem wäre es eine Ve­rein­fa­chung, Fe­mi­nismus in Deut­schland um die Wert­vors­tel­lungen und Ideo­lo­gien einer ein­zigen Person zu grup­pieren. Welche Zwi­schentöne über­malt diese Sch­warz­weiß­zeich­nung?


 Um he­raus­zu­finden was Gleich­be­rech­ti­gung für junge Frauen heute be­deutet und wie fe­mi­nis­ti­sche Kon­zepte aus­sehen, mit denen sie sich iden­ti­fi­zieren, habe ich mich mit Frauen zwi­schen 20 und 30 Jahren un­te­rhalten. Unter meinen Ges­prächs­part­ne­rinnen waren Stu­den­tinnen, Pä­da­go­ginnen, Gra­phi­ke­rinnen und eine Ex­pertin für Gen­der­themen von der Or­ga­ni­sa­tion Terre des femmes.

Doch auch die Me­dien sind voll von Ges­chlecht. Best­sel­ler­listen, tä­gliche Fern­seh­sen­dungen und Hoch­glanz­ma­ga­zine widmen sich mit scheinbar uner­schöp­fli­chem Eifer und hohen Ver­kauf­szahlen dem Thema, wie sich Männer und Frauen un­ter­scheiden. Stu­dien, die Ge­gen­tei­liges be­haupten, bleiben hin­gegen oft un­gehört. Denn das öf­fent­liche In­te­resse an ihnen ist nicht be­son­ders groß. Dann gibt es da noch zahl­reiche Rat­geber, wie mo­dernes Frau-Sein funk­tio­niert. Bei ge­nauerer Be­trach­tung ent­puppen sich diese häufig als eine Art Be­die­nung­san­lei­tung für das an­dere Ges­chlecht. Ink­lu­sive der An­lei­tung, wie frau als Mutter, im Beruf und im Bett per­fekt per­formt. Die große Ge­fahr hinter de­rar­tiger Li­te­ratur ist ihre Ein­sei­tig­keit: Denn in einer mo­dernen Ge­sell­schaft kann es nicht nur darum gehen, Frauen die Kar­riere, son­dern auch, Män­nern Va­ter­sein zu ermö­gli­chen und ihre Mit­ve­rant­wor­tung ein­zu­for­dern. So­ge­nannte Kar­rie­re­frauen legen häufig nach der Ar­beit eine zweite Schicht im Hau­shalt ein. Um das müt­ter­liche Ge­wissen zu be­ru­higen? Im Durch­sch­nitt tragen Männer hin­gegen bei dop­pelter Be­ruf­stä­tig­keit der El­tern immer noch deut­lich we­niger zur Hau­sar­beit bei. Wollen wir also gar nicht gleich sein?

Viele junge Frauen sind sich der Kons­truier­theit tra­di­tio­neller Rol­len­bilder be­wusst. Glei­ch­zeitig wird in den Ges­prä­chen immer wieder deut­lich, dass Män­nern und Frauen un­ter­schied­liche Ei­gen­schaften zu­ges­chrieben werden. Es ist nichts Neues, dass Für­sor­gli­ch­keit und Einfüh­lung­svermögen be­son­ders häufig mit Frauen as­so­ziiert werden und Durch­set­zung­svermögen eine Ei­gen­schaft ist, die eher Män­nern zu­ges­chrieben wird. Wäh­rend kör­per­liche Un­ter­schiede tä­glich ge­zeigt werden und dabei durch un­sere Klei­dung oft­mals erst wirk­lich zur Gel­tung kommen, sind cha­rak­ter­liche Merk­male nicht so leicht aus­findig zu ma­chen. Noch sch­wie­riger sollte es ei­gent­lich sein, sie mit dem je­weils an­deren Ges­chlecht zu as­so­ziieren. Den­noch wird ihr Bes­tehen von einer breiten Masse an­ge­nommen, wenn auch häufig un­be­wusst. Es darf in Frage ges­tellt werden, ob diese binäre Wel­tauf­tei­lung der Uni­for­mie­rung durch bei­spiels­weise blaue Latz­hosen und rote Lippen- für alle- stan­dhalten würde. Mo­mentan je­doch ist die Ein­tei­lung in männ­lich und wei­blich ein fester Teil dessen, wie wir un­sere Rea­lität wahr­nehmen.

Was hat sich seit den 68ern im Fe­mi­nismus getan?


Rich­tungs­wei­send für neue Ideen könnte das 2008 erst­mals er­schie­nene „Missy Ma­ga­zin“ aus Berlin sein. Hier geht es ganz un­vers­taubt um Pop: In der WDR-Sen­dung Frau TV for­dert Mit­grün­derin Ste­fanie Loh­mann eine neue Pers­pek­tive auf Frauen­rechte. Frei vom inz­wi­schen zur Pein­li­ch­keit ver­kom­menen Ste­reotyp von Kurz­haar­sch­nitt und Ach­sel­haar geht es für sie darum, Gleichs­tel­lung in alle Le­bens­be­reiche zu in­te­grieren. Auch Mode, Sexua­lität und Mu­sik­trends können aus eman­zi­pierter Sicht bes­pro­chen werden! Ste­fanie Loh­mann nennt das Missy-Kon­zept Po(st)pfe­mi­nismus. Kultur, Po­litik und Ge­sell­schaft sind hier Thema- vor­ges­tellt von Frauen, die zu den Un­be­quemen gehören und dabei ver­dammt cool sind.

Viele junge Frauen hin­gegen, die sich nicht ex­plizit mit dem Thema Gleich­be­rech­ti­gung bes­chäf­tigen, finden Fe­mi­nismus übe­rholt und im mo­dernen Deut­schland nicht mehr not­wendig. Sie er­leben zwar Dis­kri­mi­nie­rung, schätzen es aber als ein pri­vates Phä­nomen ein. Ver­bale, ad­mi­nis­tra­tive, kör­per­liche Über­griffe werden von ihnen als un­ge­recht ge­wertet, aber auch als eine Au­sei­nan­der­set­zung zwi­schen Ein­zel­per­sonen. Damit ent­ziehen sie den­je­nigen den Rück­halt, die be­greifen, dass unan­ge­mes­sene Sprüche auch sch­wache oder sehr junge Opfer treffen können und de­shalb nicht igno­riert werden dürfen.

Ist dies der Grund, warum Frauen sich im Nor­mal­fall nicht gegen alltä­gliche Dis­kri­mi­nie­rungen wehren? Wer sich als Teil einer be­nach­tei­ligten Gruppe be­greift, tritt leichter für seine Rechte ein als eine Ein­zelkämp­ferin.

In den 70er Jahren wurde die Frauen­be­we­gung mit dem Wahls­pruch „Das Pri­vate ist po­li­ti­sch“ zur Ge­sell­schaft­san­ge­le­gen­heit ge­macht. Heute hin­gegen zeichnet sich der Trend ab, Gleich­be­rech­ti­gung als ein pri­vates Pro­blem ein­zu­schätzen. Trotz bes­serer Schu­lab­schlüsse der Mäd­chen sind es die männ­li­chen Be­werber, die besser be­zahlt werden und sch­neller auf­steigen. Trotz recht­li­cher Gleichs­tel­lung sind es Männer, die die wich­tig­sten Ent­schei­dungen auf po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ebene in Deut­schland treffen. Dass Frauen noch nicht gleich­ges­tellt sind, zeigt aber auch der Alltag. Fast alle in­ter­viewten Frauen fühlen sich in der Wahr­neh­mung an­derer in erster Linie als Frau be­wertet- und nicht als Mensch. Es scheint, als könnten sie ihrer Kör­per­li­ch­keit kaum ent­kommen. Ob im Beruf oder der Öf­fent­li­ch­keit- Frauen sind vor er­fol­grei­chen Po­li­ti­ke­rinnen, Ärz­tinnen oder Kö­chinnen zuerst eine Frau. Mit Beinen, Taille, Brüsten. So the­ma­ti­sierte die na­tio­nale und in­ter­na­tio­nale Presse kurz nach An­gela Mer­kels Amt­san­tritt zu einem un­ver­schämt großen Teil ihr Äußeres. Die Falten und Bund­falten männ­li­cher Po­li­tiker hin­gegen in­te­res­sieren nur selten und wenn ja, dann fallen sie höchs­tens durch ihr Fehlen auf.

Im Kampf um eine bes­sere Ge­sell­schaft geht es also immer noch darum, das Be­wusst­sein für bes­te­hende Un­glei­ch­heiten zu schärfen. Sie an­zuer­kennen, kann schon ein erstes po­li­ti­sches Han­deln sein.


Geht es um die Gleichs­tel­lung, sorgt die Frage nach den wei­bli­chen Reizen immer wieder für ges­pal­tene Mei­nungen. Wie verfüh­re­risch kann eine Frau auf­treten ohne an Res­pekt ein­zubüßen? In einer idealen Welt müsste die Frage nicht ges­tellt werden. In der Rea­lität je­doch gibt es eine Grenze, die im besten Fall als po­si­tive Dis­kri­mi­nie­rung be­zeichnet werden kann.

Po­si­tive Dis­kri­mi­nie­rung findet zum Bei­spiel statt, wenn einer Person auf­grund ihres Ges­chlechts Vor­teile wi­der­fahren. In ro­man­ti­schen oder ero­ti­schen Erzäh­lungen wird damit häufig auf eine Macht hin­ge­wiesen, die Frauen über Männer ausübten. Und si­cher haben die meisten Leser_Innen dieses Gefühl schon einmal selbst er­lebt, es viel­leicht sogar pro­vo­ziert. Da­gegen ist nicht viel ein­zu­wenden. Al­ler­dings ver­birgt sich hier die Ge­fahr einer Ver­wechs­lung: Die Macht, die wir Frauen auf diese Art und Weise den Män­nern abringen können, ist nur ge­liehen. Wir dürfen mit ihr spielen, so­lange wir Re­geln darüber be­folgen, wie wir aus­sehen, spre­chen, uns kleiden. Wer Wei­bli­ch­keit auf eine an­dere Weise verkör­pert, der wird sch­nell die Gunst ent­zogen.

Es gibt je­doch Hoff­nung. Trotz des Ste­reo­typs der lei­den­schaft­li­chen Französin sind es auch die franzö­si­schen Fa­mi­lien, in denen Väter und Mütter im Durch­sch­nitt beide be­ruf­stätig sind. Ver­gli­chen mit Deut­schland liegt Fran­kreich damit weit vorne. Auch im eu­ropäi­schen Ver­gleich kann es mit den skan­di­na­vi­schen Vor­rei­terlän­dern mi­thalten. Vienna R. ar­beitet für die Nich­tre­gie­rung­sor­ga­ni­sa­tion Terre des femmes. Sie ist sich si­cher: Um ve­ral­tete Denk­weisen und Welt­bilder zu verän­dern, müssen Frauen und Mäd­chen sich in die Män­ner­runden drängen. Dort die Wirk­li­ch­keit verän­dern.

Erst wenn Frauen an Ent­schei­dung­spro­zessen gleich­be­rech­tigt teil­haben, müssen wir uns um Gleich­be­rech­ti­gung keine Ge­danken mehr ma­chen. Se­chzig Jahre nach Das an­dere Ges­chlecht bilden Be­griffe wie Gen­dern oder gar Gen­dergap einen festen Bes­tand­teil un­seres Wort­schatzes. Den­noch bleibt die Frage der Gleich­be­rech­ti­gung heftig dis­ku­tiert. We­nige Woche nach der auf­schrei!- Be­we­gung und kurz vor der Einfüh­rung der Frauen­quote in Deut­schland ist die Öf­fent­li­ch­keit sen­si­bi­li­siert für das Thema Gleich­be­rech­ti­gung. Nicht als Lö­sung, aber als Lo­sung kann gelten: Ohne gleich sein zu müssen, sollen Frauen gleich­be­rech­tigt sein.

Von Ro­mana Bar­tels

Über­set­zung Cyril Quillien

Lek­torat

We­nige Wo­chen nach der auf­schrei!-Be­we­gung und kurz vor der na­henden Frauen­quote sind Frauen­rechte wieder ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit gerückt. Trotzdem halten viele, Frauen wie Männer, die Gleichs­tel­lung zwi­schen den Ges­chlech­tern für voll­bracht. Eine ziem­lich op­ti­mis­ti­sche Ein­schät­zung.

 

 Warmes Licht, ein nackter Bauch mit verfüh­re­ri­scher Taille, dunkel ge­hauchte Wörter, me­lo­di­scher Ak­zent. Dieses Kli­schee der Französin be­wirbt nicht nur er­fol­greich ein deut­sches Bier­fa­brikat, es ist auch in deut­schen Köpfen weit ver­breitet. Es ist das Bild einer Frau, die mit ihrer Wei­bli­ch­keit und ihrer Reizen spielt. We­niger wi­ders­pie­gelt es hin­gegen Stärke, Durch­set­zung­svermögen oder Unabhän­gig­keit.  Dabei han­delt es sich hier um Ei­gen­schaften, wie sie eine an­dere berühmte Französin, die Phi­lo­so­phin und Schrifts­tel­lerin Si­mone de Beau­voir vor über fünfzig Jahren als eine Vor­den­kerin der Frauen­be­we­gung de­mons­triert hat. Ihre in der Be­zie­hung zu Sartre öf­fent­lich vor­ge­lebten Ideen einer gleich­be­rech­tigten Part­ner­schaft und ihre Schrift über das An­dere Ges­chlecht be­geis­terten unzäh­lige Mäd­chen in Deut­schland, Fran­kreich und der Welt. Von einem ähn­lich guten Ruf kann Alice Sch­warzer nur träumen in Zeiten, in denen Fe­mi­nismus zum Schimpf­wort ge­worden ist.

 

Ein häu­figer Vor­wurf an junge Mäd­chen von heute bes­teht darin, mit den erkämpften Er­run­gen­schaften der Frauen­be­we­gung nicht be­wusst um­zu­gehen und sich wieder in eine män­ner­ge­machte, me­dien­be­wor­bene und über­sexua­li­sierte Rolle zu be­geben. Und eines ist richtig: Fe­mi­nismus der alten Schule ist nicht po­pulär. Fern­seh­shows über Nach­wuchs­man­ne­quins kennen mehr Er­folg als Sch­war­zers Zeit­schrift „Emma“. Trotzdem wäre es eine Ve­rein­fa­chung, Fe­mi­nismus in Deut­schland um die Wert­vors­tel­lungen und Ideo­lo­gien einer ein­zigen Person zu grup­pieren. Welche Zwi­schentöne über­malt diese Sch­warz­weiß­zeich­nung?

 

 Um he­raus­zu­finden was Gleich­be­rech­ti­gung für junge Frauen heute be­deutet und wie fe­mi­nis­ti­sche Kon­zepte aus­sehen, mit denen sie sich iden­ti­fi­zieren, habe ich mich mit Frauen zwi­schen 20 und 30 Jahren un­te­rhalten. Unter meinen Ges­prächs­part­ne­rinnen waren Stu­den­tinnen, Pä­da­go­ginnen, Gra­phi­ke­rinnen und eine Ex­pertin für Gen­der­themen von der Or­ga­ni­sa­tion Terre des femmes.

 

Doch auch die Me­dien sind voll von Ges­chlecht. Best­sel­ler­listen, tä­gliche Fern­seh­sen­dungen und Hoch­glanz­ma­ga­zine widmen sich mit scheinbar uner­schöp­fli­chem Eifer und hohen Ver­kauf­szahlen dem Thema, wie sich Männer und Frauen un­ter­scheiden. Stu­dien, die Ge­gen­tei­liges be­haupten, bleiben hin­gegen oft un­gehört. Denn das öf­fent­liche In­te­resse an ihnen ist nicht be­son­ders groß. Dann gibt es da noch zahl­reiche Rat­geber, wie mo­dernes Frau-Sein funk­tio­niert. Bei ge­nauerer Be­trach­tung ent­puppen sich diese häufig als eine Art Be­die­nung­san­lei­tung für das an­dere Ges­chlecht. Ink­lu­sive der An­lei­tung, wie frau als Mutter, im Beruf und im Bett per­fekt per­formt. Die große Ge­fahr hinter de­rar­tiger Li­te­ratur ist ihre Ein­sei­tig­keit: Denn in einer mo­dernen Ge­sell­schaft kann es nicht nur darum gehen, Frauen die Kar­riere, son­dern auch, Män­nern Va­ter­sein zu ermö­gli­chen und ihre Mit­ve­rant­wor­tung ein­zu­for­dern. So­ge­nannte Kar­rie­re­frauen legen häufig nach der Ar­beit eine zweite Schicht im Hau­shalt ein. Um das müt­ter­liche Ge­wissen zu be­ru­higen? Im Durch­sch­nitt tragen Männer hin­gegen bei dop­pelter Be­ruf­stä­tig­keit der El­tern immer noch deut­lich we­niger zur Hau­sar­beit bei. Wollen wir also gar nicht gleich sein?

 

Viele junge Frauen sind sich der Kons­truier­theit tra­di­tio­neller Rol­len­bilder be­wusst. Glei­ch­zeitig wird in den Ges­prä­chen immer wieder deut­lich, dass Män­nern und Frauen un­ter­schied­liche Ei­gen­schaften zu­ges­chrieben werden. Es ist nichts Neues, dass Für­sor­gli­ch­keit und Einfüh­lung­svermögen be­son­ders häufig mit Frauen as­so­ziiert werden und Durch­set­zung­svermögen eine Ei­gen­schaft ist, die eher Män­nern zu­ges­chrieben wird. Wäh­rend kör­per­liche Un­ter­schiede tä­glich ge­zeigt werden und dabei durch un­sere Klei­dung oft­mals erst wirk­lich zur Gel­tung kommen, sind cha­rak­ter­liche Merk­male nicht so leicht aus­findig zu ma­chen. Noch sch­wie­riger sollte es ei­gent­lich sein, sie mit dem je­weils an­deren Ges­chlecht zu as­so­ziieren. Den­noch wird ihr Bes­tehen von einer breiten Masse an­ge­nommen, wenn auch häufig un­be­wusst. Es darf in Frage ges­tellt werden, ob diese binäre Wel­tauf­tei­lung der Uni­for­mie­rung durch bei­spiels­weise blaue Latz­hosen und rote Lippen- für alle- stan­dhalten würde. Mo­mentan je­doch ist die Ein­tei­lung in männ­lich und wei­blich ein fester Teil dessen, wie wir un­sere Rea­lität wahr­nehmen.

 

Was hat sich seit den 68ern im Fe­mi­nismus getan? Rich­tungs­wei­send für neue Ideen könnte das 2008 erst­mals er­schie­nene „Missy Ma­ga­zin“ aus Berlin sein. Hier geht es ganz un­vers­taubt um Pop: In der WDR-Sen­dung Frau TV for­dert Mit­grün­derin Ste­fanie Loh­mann eine neue Pers­pek­tive auf Frauen­rechte. Frei vom inz­wi­schen zur Pein­li­ch­keit ver­kom­menen Ste­reotyp von Kurz­haar­sch­nitt und Ach­sel­haar geht es für sie darum, Gleichs­tel­lung in alle Le­bens­be­reiche zu in­te­grieren. Auch Mode, Sexua­lität und Mu­sik­trends können aus eman­zi­pierter Sicht bes­pro­chen werden! Ste­fanie Loh­mann nennt das Missy-Kon­zept Po(st)pfe­mi­nismus. Kultur, Po­litik und Ge­sell­schaft sind hier Thema- vor­ges­tellt von Frauen, die zu den Un­be­quemen gehören und dabei ver­dammt cool sind.

 

Viele junge Frauen hin­gegen, die sich nicht ex­plizit mit dem Thema Gleich­be­rech­ti­gung bes­chäf­tigen, finden Fe­mi­nismus übe­rholt und im mo­dernen Deut­schland nicht mehr not­wendig. Sie er­leben zwar Dis­kri­mi­nie­rung, schätzen es aber als ein pri­vates Phä­nomen ein. Ver­bale, ad­mi­nis­tra­tive, kör­per­liche Über­griffe werden von ihnen als un­ge­recht ge­wertet, aber auch als eine Au­sei­nan­der­set­zung zwi­schen Ein­zel­per­sonen. Damit ent­ziehen sie den­je­nigen den Rück­halt, die be­greifen, dass unan­ge­mes­sene Sprüche auch sch­wache oder sehr junge Opfer treffen können und de­shalb nicht igno­riert werden dürfen.

Ist dies der Grund, warum Frauen sich im Nor­mal­fall nicht gegen alltä­gliche Dis­kri­mi­nie­rungen wehren? Wer sich als Teil einer be­nach­tei­ligten Gruppe be­greift, tritt leichter für seine Rechte ein als eine Ein­zelkämp­ferin.

 

In den 70er Jahren wurde die Frauen­be­we­gung mit dem Wahls­pruch „Das Pri­vate ist po­li­ti­sch“ zur Ge­sell­schaft­san­ge­le­gen­heit ge­macht. Heute hin­gegen zeichnet sich der Trend ab, Gleich­be­rech­ti­gung als ein pri­vates Pro­blem ein­zu­schätzen. Trotz bes­serer Schu­lab­schlüsse der Mäd­chen sind es die männ­li­chen Be­werber, die besser be­zahlt werden und sch­neller auf­steigen. Trotz recht­li­cher Gleichs­tel­lung sind es Männer, die die wich­tig­sten Ent­schei­dungen auf po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ebene in Deut­schland treffen. Dass Frauen noch nicht gleich­ges­tellt sind, zeigt aber auch der Alltag. Fast alle in­ter­viewten Frauen fühlen sich in der Wahr­neh­mung an­derer in erster Linie als Frau be­wertet- und nicht als Mensch. Es scheint, als könnten sie ihrer Kör­per­li­ch­keit kaum ent­kommen. Ob im Beruf oder der Öf­fent­li­ch­keit- Frauen sind vor er­fol­grei­chen Po­li­ti­ke­rinnen, Ärz­tinnen oder Kö­chinnen zuerst eine Frau. Mit Beinen, Taille, Brüsten. So the­ma­ti­sierte die na­tio­nale und in­ter­na­tio­nale Presse kurz nach An­gela Mer­kels Amt­san­tritt zu einem un­ver­schämt großen Teil ihr Äußeres. Die Falten und Bund­falten männ­li­cher Po­li­tiker hin­gegen in­te­res­sieren nur selten und wenn ja, dann fallen sie höchs­tens durch ihr Fehlen auf.

 

Im Kampf um eine bes­sere Ge­sell­schaft geht es also immer noch darum, das Be­wusst­sein für bes­te­hende Un­glei­ch­heiten zu schärfen. Sie an­zuer­kennen, kann schon ein erstes po­li­ti­sches Han­deln sein.

 

Geht es um die Gleichs­tel­lung, sorgt die Frage nach den wei­bli­chen Reizen immer wieder für ges­pal­tene Mei­nungen. Wie verfüh­re­risch kann eine Frau auf­treten ohne an Res­pekt ein­zubüßen? In einer idealen Welt müsste die Frage nicht ges­tellt werden. In der Rea­lität je­doch gibt es eine Grenze, die im besten Fall als po­si­tive Dis­kri­mi­nie­rung be­zeichnet werden kann.

Po­si­tive Dis­kri­mi­nie­rung findet zum Bei­spiel statt, wenn einer Person auf­grund ihres Ges­chlechts Vor­teile wi­der­fahren. In ro­man­ti­schen oder ero­ti­schen Erzäh­lungen wird damit häufig auf eine Macht hin­ge­wiesen, die Frauen über Männer ausübten. Und si­cher haben die meisten Leser_Innen dieses Gefühl schon einmal selbst er­lebt, es viel­leicht sogar pro­vo­ziert. Da­gegen ist nicht viel ein­zu­wenden. Al­ler­dings ver­birgt sich hier die Ge­fahr einer Ver­wechs­lung: Die Macht, die wir Frauen auf diese Art und Weise den Män­nern abringen können, ist nur ge­liehen. Wir dürfen mit ihr spielen, so­lange wir Re­geln darüber be­folgen, wie wir aus­sehen, spre­chen, uns kleiden. Wer Wei­bli­ch­keit auf eine an­dere Weise verkör­pert, der wird sch­nell die Gunst ent­zogen.

 

Es gibt je­doch Hoff­nung. Trotz des Ste­reo­typs der lei­den­schaft­li­chen Französin sind es auch die franzö­si­schen Fa­mi­lien, in denen Väter und Mütter im Durch­sch­nitt beide be­ruf­stätig sind. Ver­gli­chen mit Deut­schland liegt Fran­kreich damit weit vorne. Auch im eu­ropäi­schen Ver­gleich kann es mit den skan­di­na­vi­schen Vor­rei­terlän­dern mi­thalten. Vienna R. ar­beitet für die Nich­tre­gie­rung­sor­ga­ni­sa­tion Terre des femmes. Sie ist sich si­cher: Um ve­ral­tete Denk­weisen und Welt­bilder zu verän­dern, müssen Frauen und Mäd­chen sich in die Män­ner­runden drängen. Dort die Wirk­li­ch­keit verän­dern.

Erst wenn Frauen an Ent­schei­dung­spro­zessen gleich­be­rech­tigt teil­haben, müssen wir uns um Gleich­be­rech­ti­gung keine Ge­danken mehr ma­chen. Se­chzig Jahre nach Das an­dere Ges­chlecht bilden Be­griffe wie Gen­dern oder gar Gen­dergap einen festen Bes­tand­teil un­seres Wort­schatzes. Den­noch bleibt die Frage der Gleich­be­rech­ti­gung heftig dis­ku­tiert. We­nige Woche nach der auf­schrei!- Be­we­gung und kurz vor der Einfüh­rung der Frauen­quote in Deut­schland ist die Öf­fent­li­ch­keit sen­si­bi­li­siert für das Thema Gleich­be­rech­ti­gung. Nicht als Lö­sung, aber als Lo­sung kann gelten: Ohne gleich sein zu müssen, sollen Frauen gleich­be­rech­tigt sein.