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Frankreich und Deutschland: Welches Land geht offener mit Homosexualität um?

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Von Eloïse Co­logne
Über­­­set­­­zung: Na­dine La­khal
Bild von Jo­na­than Stef­fens

Jörg Stei­nert, Prä­si­dent des LSVD (Lesben- und Sch­wu­len­ver­band in Deut­schland), einem der größten ho­mo­sexuellen Ve­rei­ni­gung in Deut­schland, klärt uns über diese Frage auf, indem er uns einen deutsch-franzö­si­schen Ver­gleich gibt und uns erklärt, welche Pro­bleme es in der heu­tigen Ge­sell­schaft in Bezug auf Ho­mo­sexua­lität gibt.

Im Mai 2012 ge­wann der So­zial­de­mo­krat, Fran­cois Hol­lande, die Wahlen in Fran­kreich und ent­warf ein Ge­set­ze­sent­wurf für die Le­ga­li­sie­rung der ho­mo­sexuellen Ehe sowie für die Adop­tion durch ho­mo­sexuelle Paare. Be­reits wäh­rend seiner Wahl­kam­pagne bes­chäf­tigte er sich mit diesem Ent­wurf, wel­cher schon oft De­mons­tra­tionen, so­wohl für als auch gegen ihn her­vor­ge­rufen hat. Wi­ders­tand zu dem Ent­wurf kommt von Re­prä­sen­tanten von Fa­mi­lien­ve­rei­ni­gungen, Rechts­par­teien und ra­di­kalen Rechts­par­teien sowie Ver­tre­tern ver­schie­dener Glau­bens­rich­tungen, wie Ka­tho­liken, Pro­tes­tanten, Or­tho­doxe, Mos­lems und Juden, die gegen „die Ehe für Alle“ sind.

Am 29. Ja­nuar 2013 wurde in einer öf­fent­li­chen Sit­zung über den Ge­set­zent­wurf dis­ku­tiert. Das Ge­setz ist nun ve­rab­schiedet und wird im Früh­jahr 2013 in Kraft treten und dem PACS (Zi­vil­pakt zur So­li­da­rität) folgen, wel­cher im Jahre 1999 ins Leben ge­rufen wurde. Der PACS be­sagt, dass ho­mo­sexuelle Paare die­selben Rechte wie ve­rhei­ra­tete Paare haben, mit Aus­nahme von steuer­li­chen An­ge­le­gen­heiten und des Adop­tions­rechts.

Laut Jörg Stei­nert sollte das: „ auch in Deut­schland etwas in Be­we­gung setzen, denn die Deut­schen sind über die Ges­cheh­nisse in Fran­kreich gut in­for­miert“. Im Juni 2012 ist ein sol­cher Ge­set­ze­sent­wurf in Deut­schland ab­ge­lehnt worden, mit dem Ar­gu­ment, dass ein ve­rhei­ra­tetes Paar aus einem Mann und einer Frau bes­tehen müsse, um eine Fa­milie gründen zu können. Die Ehe ist ein Sa­kra­ment. Ein gleich­wer­tiges Äqui­va­lent zum franzö­si­schen PACS gibt es auch in Deut­schland. Es ist eine eheähn­liche Part­ner­schaft, die erst im Jahr 2001 ve­rab­schiedet wurde, viel später als in Fran­kreich und einzig für Ho­mo­sexuelle gültig ist.

Jörg Stei­nert erklärt uns weiter, dass im Juni 2012 die Meh­rheit der Deut­schen über­ra­scht ge­wesen sei, weil sie der Mei­nung waren, dass der PACS allen Paaren- egal ob ho­mo­sexuell oder he­te­ro­sexuell - die glei­chen Rechte geben würde. Er fährt fort, dass 70 Pro­zent der Deut­schen für eine Gleichs­tel­lung der ho­mo­sexuellen Ehe seien, wie es auch im po­li­ti­schen Be­reich bei­nahe 60 Pro­zent der CDU-Wähler sind. Dieses Pro­jekt findet Un­terstüt­zung bei den Li­be­ralen und den Grünen, ge­nauso wie in Fran­kreich. „Das zeigt die Ent­wi­ck­lung der letzten Jahre“, freut sich Jörg Stei­nert. Doch die franzö­si­sche Po­litik scheint ihm viel fort­ges­chrit­tener als die deut­sche. Eine Be­grün­dung für den Ableh­nung­sbes­cheid ist auf der einen Seite, dass Deut­schland im Ge­gen­satz zu Fran­kreich ein kon­fes­sio­nelles Land ist. Doch auf der an­deren Seite scheint Deut­schland für Jörg Stei­nert viel fort­ges­chrit­tener in Bezug auf den Ge­sell­schafts­plan als Fran­kreich. In Deut­schland zum Bei­spiel gibt es im Ge­gen­satz zu Fran­kreich keine De­mons­tra­tionen gegen die ho­mo­sexuelle Ehe oder gegen die Adop­tion für ho­mo­sexuelle Paare. Für Herrn Stei­nert ist ein sol­ches Bild auch schwer vors­tellbar. Eine Studie des Ins­ti­tuts Ifop (Franzö­si­sche Ins­titut zur öf­fent­li­chen Mei­nung), über „die Fran­zosen, Ka­tho­liken und die Rechte ho­mo­sexueller Ge­mein­schaften, zeigt, dass 65 Pro­zent der Fran­zosen für ho­mo­sexuelle Ehen sind, was ein Plus von fünf Pro­zent ge­genüber Deut­schland aus­macht. Das ist eine Zu­nahme von zwei Pro­zent im Ver­gleich zu einer Mei­nung­sum­frage aus dem vo­rhe­rigen Jahr.

Jörg Stei­nert kann fol­glich keine Po­si­tion ein­nehmen, bleibt aber op­ti­mis­tisch. Er erklärt:“ ich fürchte, dass un­sere franzö­si­schen Freunde in diesem Punkt nicht viel sch­neller als wir sind, ich freue mich für sie, bin aber traurig in Bezug auf die Deut­schen.“

Das Pro­blem der Ho­mo­phobie

Wäh­rend des In­ter­views be­tont Herr Stei­nert, dass die Ho­mo­sexua­lität be­son­ders in den letzten 20 Jahren als Tabu immer un­wich­tiger wird. Doch die Feind­se­lig­keit und die phy­si­sche sowie ver­bale Ge­walt ge­genüber Ho­mo­sexuellen, wobei sich vor allem Letz­tere mit dem In­ternet ent­wi­ckelt hat, haben nicht ab­ge­nommen.

Laut einer Studie von MANEO, einer Ve­rei­ni­gung im Kampf gegen Ho­mo­phobie in Deut­schland, werden tatsä­chlich 90 Pro­zent der ho­mo­phoben Über­griffe in Berlin nicht ge­meldet. In Berlin setzte sich im ver­gan­genen Jahr die Re­gie­rung­skoa­li­tion, bes­te­hend aus den Christ­de­mo­kraten (CDU) und den So­zial­de­mo­kraten (SPD), wie auch die pro­tes­tan­ti­sche Kirche im Jahr 2011 im Kampf gegen je­gliche Form der Ho­mo­phobie ein, mit dem Slogan „Keine To­le­ranz für In­to­le­ranz“.

In Fran­kreich be­gann der Kampf gegen Ho­mo­phobie in den 1970er Jahren mit der sch­wulen Frei­heits­be­we­gung. Dieser Kampf wird auch heute noch von Ve­reinen fort­geführt, sprich der LGBT (Lesben, Sch­wule, Bis und Trans­sexuelle in Fran­kreich) sowie der Staats­ge­walt. Laut eines Be­richts des Ve­reins SOS Ho­mo­phobie sind die Vor­komm­nisse ho­mo­phober Über­griffe in den letzten fünf Jahren um 23 Pro­zent in Fran­kreich ges­tiegen. Die Mehr­zahl sol­cher Ge­walt­taten wurde von Ju­gend­li­chen unter 25 Jahren aus­geübt.

Seitdem die Ho­mo­sexua­lität nicht mehr als men­tale Kran­kheit oder etwas Kri­mi­nelles be­trachtet wird, ver­bietet das so­ziale Mo­der­ni­sie­rung­sge­setz von 2002 of­fi­ziell je­gliche Dis­kri­mi­na­tion. Ho­mo­phobe Über­griffe sind in Fran­kreich strafbar und werden mit einer Frei­heitss­trafe von ein bis drei Jahren bes­traft und darüber hi­naus mit einer zusätz­li­chen Geld­buße von bis zu €45.000.

In Fran­kreich wie auch in Deut­schland bleibt die Ho­mo­sexua­lität wei­te­rhin ein Tabu, vor allem in zwei Be­rei­chen: in der Re­li­gion und im Fuß­ball, wel­cher der ho­mo­phobste Sport ist und bleibt. Zu diesem Thema hat Herr Stei­nert die Pro­jekte Res­pect Gaymes und Com­mu­ni­ty­Gaymes ent­wi­ckelt.

Un­geachtet der zahl­rei­chen Fort­schritte, bleibt noch ein langer Weg zu gehen und das auf beiden Seiten der Grenze.

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