Chancengleichheit, Integration und die ewige Frage nach der Identität

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Ein Ges­präch mit Borris Die­de­richs über in­ter­na­tio­nale Ju­gend­be­ge­gnungen und die Mess­bar­keit von In­te­gra­tion

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Von Re­gina Zi­gahl
Bilder: © DFJW/OFAJ - Re­gina Zi­gahl

   

Über Iden­tität zu schreiben ist ein heikles Un­ter­fangen. Sch­wie­riger noch wird es, Iden­tität und In­te­gra­tion auf einen gemein­samen Nenner bringen zu wollen. Werden die beiden Schlagwörter in den deutsch-franzö­si­schen Kon­text ge­setzt, landet man sch­nell beim Deutsch-Franzö­si­schen Ju­gendwerk, mitten im Herzen Ber­lins. Dort, in his­to­ri­schen Gemäuern am Mol­ken­markt, hat sich das DFJW die Beantwortung einer kom­plexen Frage zur Auf­gabe ge­macht:
Was be­deutet In­te­gra­tion in Deut­schland und was in Fran­kreich und vor allem: Was können die beiden Länder vo­nei­nander lernen? Die Ant­wort kommt, geht es um Kul­tur­kon­takt und  Aus­tausch, nicht vorbei an der exis­ten­tiellen und es­sen­tiellen Au­sei­nan­der­set­zung mit der Frage: „Wer ist man ei­gent­lich?“.

Das Thema führt mich knar­rende Holz­treppen hoch in das Büro von Borris Die­de­richs. Er soll mir heute helfen, Ant­worten zu finden. Seit 2009  ist Borris Pro­jekt­beauf­tragter für In­te­gra­tion und Chan­cen­glei­ch­heit beim DFJW und bes­chäf­tigt sich in­tensiv mit den Themen In­te­gra­tion för­dern und Chan­ce­nun­glei­ch­heiten auf­heben. Als er Auszüge seiner Bio­gra­phie erzählt, wird klar, dass er wie zu­ges­ch­nitten für die Stelle zu sein scheint.

Der Be­such des Franzö­si­schen Gym­na­siums in Berlin, das Stu­dium der Po­li­tik­wis­sen­schaften mit den Sch­wer­punkten po­li­ti­sche Bil­dung und Recht­sex­tre­mismus, einem persön­li­chen In­te­resse für In­te­gra­tion, kul­tu­relle Bil­dung und Iden­titäts­kons­truk­tion sowie unzäh­lige schon or­ga­ni­sierte in­ter­na­tio­nale Ju­gend­be­ge­gnungen bilden eine frucht­bare Basis für die am­bi­tio­nierte und ans­pruchs­volle Auf­ga­bens­tel­lung des 2009 neu ges­chaf­fenen Posten.

Auf die Frage, was zur Grün­dung eines Netz­werkes mit dem um­ständ­li­chen Titel „In­te­gra­tion und Chan­cen­glei­ch­heit för­dern – ein deutsch-franzö­si­sches Netz­werk zum Aus­tausch von bei­spiel­haften Ini­tia­tiven auf re­gio­naler und lo­kaler Ebene“ geführt hat, springt Borris ei­nige Jahre zurück. Das Thema In­te­gra­tion rückt 2005 in den Fokus des DFJW, als sich in Deut­schland und Fran­kreich  ähn­lich ge­la­gerte Sze­na­rien ab­spielen:
Im Ok­tober, als zwei Ju­gend­liche aus Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Po­lizei um­kommen, es­ka­liert die an­ges­pannte Si­tua­tion in den Pa­riser Vo­rorten und die Un­ruhen weiten sich auf an­dere franzö­si­sche Städte aus. Be­richte von bren­nenden Autos und Straßenkämpfen zwi­schen Ju­gend­li­chen und Po­lizei do­mi­nieren nicht nur die franzö­si­schen Me­dien. Neben  ve­he­menten Reak­tionen sei­tens des franzö­si­schen In­nen­mi­nis­ters werden Stimmen laut, die die miss­lun­gene In­te­gra­tion der Ju­gend­li­chen mit Mi­gra­tion­shin­ter­grund an­pran­gern. Der franzö­si­sche So­zio­loge und Ju­gend­ge­walt­for­scher Mi­chel Wie­viorka sub­sum­miert: „Die Ein­wohner der Ban­lieues fühlen sich von der Ge­sell­schaft aus­ges­chlossen und pers­pek­tivlos.“ Ei­nige Mo­nate später bes­chäf­tigt eine ähn­liche The­matik die deut­sche Öf­fent­li­ch­keit: Im so­ge­nannten Brand­brief senden Lehrer[1]der Rütli-Schule im Ber­liner Be­zirk Neukölln einen Hil­feruf an den Bil­dung­sse­nator. Der Grund dafür: Sie können der Ge­walt sei­tens der Schüler nicht mehr stan­dhalten. Auch hier steht im Zen­trum der öf­fent­li­chen Auf­merk­sam­keit, dass 80  Pro­zent der Schüler Mus­lime sind. Dies führt zu einer in­nen­po­li­ti­schen De­batte über das Schul­system in Deut­schland, Ge­walt an Schulen und die In­te­gra­tion von Kin­dern mit Mi­gra­tion­shin­ter­grund.
Im Kon­text des ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Ges­che­hens der beiden Länder fühlen sich die deut­schen und franzö­si­schen Re­gie­rungen verp­flichtet zu agieren. Nur zu Recht wird wäh­rend des deutsch-franzö­si­schen Mi­nis­ter­rates 2006 er­kannt, dass In­te­gra­tion für beide Länder ein zen­trales und bri­santes Thema ist. In­fol­ge­dessen wird das DFJW in die Bemü­hungen ein­ges­chlossen. Es kann mit seiner zen­tralen Be­deu­tung für die Ju­gen­dar­beit zwi­schen Deut­schland und Fran­kreich und der lang­jäh­rigen Er­fah­rung mit Ju­gend­be­ge­gnungen an der rich­tigen Stelle an­setzen: näm­lich bei be­nach­tei­ligten Ju­gend­li­chen. Genau jenen, die in den De­batten oft un­re­flek­tiert und un­dif­fe­ren­ziert für Un­ruhen und Pro­bleme ve­rant­wort­lich ge­macht werden.

Das Netz­werk In­te­gra­tion und Chan­cen­glei­ch­heit för­dern 2006 vom DFJW und der Stif­tung Gen­shagen wird ge­gründet und - auf­bauend auf der Städ­te­part­ner­schaft Berlin-Paris und er­wei­tert um eine über­grei­fende re­gio­nale Zu­sam­me­nar­beit zwi­schen dem Land Bran­den­burg und der Ile-de-France - zu einem wich­tigen Koo­pe­ra­tions­netz­werk der beiden größten Kri­sen­re­gionen. Borris erklärt, dass das Netz­werk ver­schie­dene Auf­ga­bens­tel­lungen hat: In erster Linie bietet es eine Platt­form für Mul­ti­pli­ka­toren der Ju­gend- und So­zia­lar­beit, die sich mit dem Thema In­te­gra­tion bes­chäf­tigen. Da­runter fallen franzö­si­sche und deut­sche Ve­reine mit kul­tu­reller und so­zialer Auf­ga­bens­tel­lung, aber auch Ämter, Ins­ti­tu­tionen, Ex­perten, Po­li­tiker, Lehrer, So­zia­lar­beiter und Wis­sen­schaftler. Als di­rekte Ziel­gruppe des Netz­werkes folgen sie einmal im Jahr der Ein­la­dung des DFJW, bei einer frucht­baren und de­bat­ten­rei­chen Netz­werk­ta­gung ak­tuelle As­pekte und Ent­wi­ck­lungen zum Thema In­te­gra­tion, sowie Me­thoden, Pro­jekte und För­dermö­gli­ch­keiten kons­truktiv aus­zu­tau­schen. Die be­tei­ligten Ak­teure för­dern so ge­meinsam die Teil­nahme von be­nach­tei­ligten Ju­gend­li­chen an Aus­tau­sch­pro­grammen. Seit 2006 wurden über 70 bi­na­tio­nale Pro­jekte ini­tiiert, die über 1000 Ju­gend­li­chen  Aus­tau­sche ermö­glichten. Diese Ju­gend­be­ge­gnungen haben eine kon­krete Ziel­gruppe mit der of­fi­ziellen Be­zeich­nung Ju­gend­liche mit erhöhtem För­der­be­darf ("Jeunes avec moins d'op­por­tu­nités"). Borris be­tont wie wichtig es sei, den erhöhten För­der­be­darf nicht nur am Mi­gra­tion­shin­ter­grund fest­zu­ma­chen: „Es geht nicht nur um Ju­gend­liche mit Mi­gra­tion­shin­ter­grund son­dern viel­mehr darum, be­nach­tei­ligte Ju­gend­liche, die oft auch unter Mehr­fa­ch­dis­kri­mi­nie­rungen leiden, zu mo­ti­vieren, sie über ihre Mö­gli­ch­keiten zu in­for­mieren und ihnen die Chance zu geben an in­ter­na­tio­nalen Mo­bi­litäts­pro­grammen, teil­zu­nehmen. Darin in­be­griffen sind Ju­gend­liche aus be­nach­tei­ligten So­zialräumen, aber auch Ju­gend­liche mit Be­hin­de­rung, Kran­kheiten oder Ähn­li­chem.“

In­te­gra­tion ist…

Im Ges­präch über die ge­sell­schafts­re­le­vante Be­deu­tung von In­te­gra­tion, was zu einem schil­lernden und viel­seitig in­ter­pre­tier­baren Schlüs­sel­be­griff sämt­li­cher De­batten mu­tiert ist, drängt sich mir eine Frage auf:  Was vers­teht das DFJW kon­kret unter In­te­gra­tion för­dern, an­ge­sichts des mit genau diesem Ziel ges­chwän­gerten Namen des Netz­werkes?
„In­te­gra­tion för­dern heißt erst mal, dass man ver­sucht, bes­te­hende Un­glei­ch­heiten auf­zu­heben. Man will be­nach­tei­ligten Ju­gend­li­chen die Chance  geben, gleiche Mö­gli­ch­keiten in ihrer so­zialen, kul­tu­rellen und be­ru­fli­chen Ent­wi­ck­lung zu haben, wie Ju­gend­liche, die nicht aus diesen Ve­rhält­nissen kommen. Neben so­zialen Un­glei­ch­heiten gibt es in Deut­schland wie Fran­kreich ver­schie­denste Formen von Be­nach­tei­li­gungen und Dis­kri­mi­nie­rung. Man spricht bei­spiels­weise von einer geo­gra­phi­schen Be­nach­tei­li­gung, wenn Ju­gend­liche in sehr armen Vier­teln auf­wachsen, in denen es oft nicht mal eine In­fras­truktur gibt um kul­tu­relle An­ge­bote zu er­rei­chen, in denen es aber auch keine Ju­gend­zen­tren oder Kul­tu­ran­ge­bote gibt. Zudem gibt es un­ter­schied­lichste dis­kri­mi­nie­rende Denk­muster: ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung, Ho­mo­phobie oder Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von Be­hin­de­rung oder Re­li­gions­zu­gehö­rig­keit.“ Auf der an­deren Seite ist das Verständnis vom DFJW zum Thema In­te­gra­tion auch, die Meh­rheits­ge­sell­schaft für Dis­kri­mi­nie­rung zu sen­si­bi­li­sieren. De­shalb ar­beitet es mit Ziel­gruppen wie Po­lizei oder Leh­rern zu­sammen und weist dabei beständig in Fort­bil­dungen, mit Pu­bli­ka­tionen und über Lern­me­thoden der in­ter­kul­tu­rellen Ar­beit auf Vo­rur­teile und Ste­reo­typen hin, die sich in Dis­kri­mi­nie­rung durch die Meh­rheits­ge­sell­schaft aus­drü­cken. So soll ge­meinsam ver­sucht werden, diese Denk­muster zu durch­bre­chen.

treppenhaus3 Und die Früchte der Ar­beit?

In Stu­dien und Eva­lua­tionen wird schon länger ver­sucht, die Wir­kung von In­te­gra­tion­sar­beit zu über­prüfen. Wie zeigen sich die Er­geb­nisse der Pro­jekte? Wel­chen Ein­fluss haben Ju­gend­be­ge­gnungen auf die In­te­gra­tion der Ju­gend­li­chen? Und ei­gent­lich: Ist In­te­gra­tion übe­rhaupt messbar?
„Ich bin der Mei­nung, dass es ei­gent­lich nicht wirk­lich über­prüfbar ist. Jeder kann sich fragen, in­wie­fern man selbst in­te­griert ist ir­gendwo, aber man findet auch da­rauf keine de­fi­ni­tive Ant­wort.“ Borris re­la­ti­viert aber op­ti­mis­tisch, dass den­noch im Rahmen von Lang­zeits­tu­dien bes­timmte Wer­te­muster ab­ge­fragt werden können. Es kann erhoben werden, was eine in­ter­na­tio­nale Ju­gend­be­ge­gnung für Aus­wir­kungen auf die be­ru­fliche Sen­si­bi­li­sie­rung und die so­zialen Kom­pe­tenzen der Teil­nehmer hatte und ob sie Ein­fluss auf ihre In­te­ressen (bei­spiels­weise am Aus­land oder an Spra­chen) hatte. Auch un­mit­telbar nach dem Aus­tausch können Verän­de­rungen in der Iden­titäts­wa­rh­neh­mung beot­bachtet werden. Er fährt fort, dass In­te­gra­tion ein nor­ma­tiver Be­griff ist und auch keine wirk­liche, all­ge­meingül­tige De­fi­ni­tion exis­tiert. Die Kom­plexität der The­matik macht sie tatsä­chlich auch nicht wirk­lich messbar. Das DFJW hat dieses po­li­ti­sche Schlag­wort mit In­halten gefüllt, die im deutsch-franzö­si­schen Kon­text um­ge­setzt werden. Das ist ei­gent­lich der be­deu­tendste Schritt.

Im Kon­takt mit dem ei­genen ‚Ich‘

Über Musik, Sport, ge­mein­sames Theater spielen, Hip Hop Pro­jekte oder ein­fach in der ge­mein­samen Dis­kus­sion und ge­gen­sei­tigen Au­sei­nan­der­set­zung kommen Ju­gend­liche mit den ver­schie­densten so­zialen Vor­zei­chen in Kon­takt. Her­vor­zu­heben ist an dieser Stelle auch das Kon­zept des DFJW, Ju­gend­liche mit völlig an­derem Hin­ter­grund in die Be­ge­gnungen zu in­te­grieren. Die he­te­ro­genen Gruppen haben für alle be­tei­ligten Ju­gend­li­chen einen enormen Mehr­wert. Bei den Übungen und in­ter­kul­tu­rellen Me­thoden lernen sich die so­ge­nannten Ju­gend­li­chen mit erhöhtem För­der­be­darf selbst an­ders und ganz neu kennen. Borris erklärt, dass diese Kon­fron­ta­tion mit dem ei­genen Selbst­bild im Kon­text der Grup­pe­ner­fah­rung schon Aus­wir­kungen auf das Selbst­kon­zept haben kann, das bis dato ge­prägt ist von Frus­tra­tion, Hoff­nungs- und Pers­pek­tiv­lo­sig­keit. Oft ist schon wäh­rend der Ju­gend­be­ge­gnung eine Stär­kung des Selbst­be­wusst­seins zu beo­bachten. Al­lein das Gefühl, einmal aus den All­tag­ssch­wie­rig­keiten in Schule, Fa­milie und Um­feld he­raus­zu­kommen oder die Ho­ri­zon­ter­wei­te­rung durch die kul­tu­rellen Ak­ti­vitäten, löst bei vielen Ju­gend­li­chen schon einen ent­schei­denden 'Klick' in der Psyche aus. Da­raus kann wie­derum die Mo­ti­va­tion ents­tehen, neue Dinge ken­nen­zu­lernen und sich wei­ter­zuent­wi­ckeln.
An dieser Stelle hake ich nach und möchte wissen, wie der Zu­sam­men­hang hier nun bes­teht: Wie wirkt sich die Kon­fron­ta­tion und das eben bes­chrie­bene Über­denken der ei­genen Iden­titäts­kons­truk­tion po­sitiv auf die Zu­kunfts­pers­pek­tive der Ju­gend­li­chen aus? Was hat diese Selbs­tre­flexion mit der vom Netz­werk an­ges­trebten Chan­cen­glei­ch­heit zu tun?
„Der Schlüssel ist das Selbst­be­wusst­sein,“ fährt mein Ges­prächs­partner fort „wenn man sich zu einer Gruppe zu­gehörig fühlt und sich selbst re­flek­tieren kann, hat man eine an­dere Wahr­neh­mung. Man kann seine ge­ne­rellen Kom­pe­tenzen, aber auch die in­ter­kul­tu­rellen Kom­pe­tenzen als Stärke sehen und nicht als De­fizit. Viele haben hier ein zu de­fi­zi­to­rien­tiertes Denken. Zu sagen, dass bi­kul­tu­relle Herkünfte zwi­schen den Stühlen sitzen und nichts richtig können, ist Un­sinn. Bei den Ju­gend­li­chen ist ei­gent­lich ganz viel Po­ten­tial, sie spre­chen in der Regel meh­rere Spra­chen und können sich in ver­schie­denen Kul­turräumen be­wegen. Wenn sie sich, durch diese in­ter­na­tio­nalen Ju­gend­be­ge­gnungen und die Fragen nach der ei­genen Iden­tität, dessen be­wusst werden, können sie auch viel ge­zielter nach ge­sell­schaft­li­cher Teil­habe streben und sich auch beim Aus­bil­dung­splatz, bei Prak­tika oder selbst bei ir­gend­wel­chen klei­neren Jobs besser be­werben und besser dars­tellen.“

„Kein All­heil­mit­tel“

„Den­noch ist eine in­ter­na­tio­nale Ju­gend­be­ge­gnung natür­lich auch kein All­heil­mittel,“ räumt Borris ein „es ist nicht so, dass der Ju­gend­liche aus Clichy-sur-Bois kurz nach Berlin fährt und da­nach gleich einen Stu­dien­platz be­kommt. Natür­lich exis­tieren immer noch psy­cho­lo­gi­sche Bar­rieren, die so­zialen Ve­rhält­nisse sind un­verän­dert und wahr­schein­lich herr­scht in der Fa­milie immer noch die gleiche un­trag­bare Si­tua­tion. Aber trotzdem kann es durch die Be­ge­gnung ein Um­denken geben. Bei man­chen geht es sch­neller, bei ma­chen lang­samer, aber es gibt immer einen An­schub sich ein bis­schen an­ders zu ve­rhalten, sich an­ders zu po­si­tio­nieren, an­ders zu agieren und ein­fach neu­gie­riger aufs Leben und we­niger de­sillu­sio­niert zu sein. Ich bin über­zeugt, dass wenn man po­sitiv mit den Ju­gend­li­chen um­geht und wäh­rend so einer Be­ge­gnung po­si­tive Er­leb­nisse schafft, dann kann es auch na­ch­hal­tige Wir­kungen er­zielen.“

„Ihr seid Fran­zosen.“

Ge­rade die Be­ge­gnungen auf in­ter­na­tio­naler Ebene sind sehr in­tensiv, weil eine an­dere Kultur und eine an­dere Na­tio­na­lität die ei­gene in einen an­deren Kon­text und ein neues Licht stellt. Im Kon­takt mit dem Neuen, zu sich selbst und der ei­genen Iden­tität zu finden, ist für die Ju­gend­li­chen ei­gent­lich der größte Ge­winn bei den deutsch-franzö­si­schen Ju­gend­be­ge­gnungen.
Wir sind am Kern der The­matik an­ge­kommen. Es wird deut­lich, wie sehr die ver­schie­densten Fak­toren und Pro­zesse zu­sam­menhängen und dass über die berühmte Frage nach der Iden­tität schon viel ges­pro­chen und ge­dacht wurde. Die in­ter­na­tio­nalen Ju­gen­dar­beit des DFJW hat in diesem Kon­text ein enormes Po­ten­tial, was be­son­ders bei fol­gender Frage klar wird: Hat das Re­prä­sen­tieren des Hei­mat­landes im je­wei­ligen Gast­land Aus­wir­kungen auf die Iden­titäts­wahr­neh­mung der Ju­gend­li­chen? Was pas­siert in einem tür­kischstäm­migen Ju­gend­li­chen, wenn er Fran­kreich als Deut­scher wahr­ge­nommen wird?
„Dazu gibt es viele Er­fah­rung­sbe­richte der Ju­gend­li­chen. Die Teil­nehmer aus Fran­kreich be­richten oft dass als sie nach Deut­schland ge­kommen sind, wurden sie zum ersten Mal als Fran­zosen be­zeichnet. Das franzö­si­sche Staats­kon­zept geht per de­fi­ni­tionem davon aus, dass so­fern man für die Werte der Re­pu­blik eins­teht Fran­zose ist. Aber in der Rea­lität merken die Ju­gend­li­chen jeden Tag, dass sie Fran­zosen zweiter Klasse sind und ei­gent­lich immer als Araber oder Sch­warze stig­ma­ti­siert werden. Wenn sie dann nach Berlin kommen, sind sie die Fran­zosen, die franzö­si­sche Gruppe, das verän­dert natür­lich schon ihre Selbst­wahr­neh­mung. Es sen­si­bi­li­siert sie auch für ihre Stel­lung in der franzö­si­schen Ge­sell­schaft und richtet einen kri­ti­schen Blick auf ihre Si­tua­tion, den sie zwar schon haben, der aber eher emo­tional be­haftet ist. Dieser gefühlte Ras­sismus kann dann durch un­sere Aus­tau­sch­dis­kus­sionen iden­ti­fi­ziert und re­flek­tiert werden.“ borris_bearbeitetVer­glei­chend fährt er fort, dass es bei den Ju­gend­li­chen aus Deut­schland his­to­risch an­ders ge­la­gert ist, da es ein an­deres Na­tio­nal­be­wusst­sein gibt. In Deut­schland spre­chen die Ju­gend­li­chen von sich mehr als ‚Ich bin Türke.‘ oder ‚Ich bin Russe‘. "Je suis franҫais" würden Mi­granten in Fran­kreich, auf­grund des viel stärker aus­ge­bil­deten Na­tio­nal­be­wusst­seins, viel sch­neller sagen. Wäh­rend ihres Au­fen­thalts im Gast­land, denken die Ju­gend­li­chen oft übe­rhaupt erst über ihre Iden­tität nach und über diese Spie­ge­lung nach Außen stellen sie sich nicht selten zum ersten Mal die Frage "Bin ich jetzt ei­gent­lich Türke, oder bin ich Deut­scher oder was bin ich ei­gent­lich?" Sie ent­wi­ckeln also eine ei­gene Wahr­neh­mung, die hilft ei­gene Vo­rur­teile und Ste­reo­typen zu er­kennen und diese dann in Dis­kus­sionen zu re­flek­tieren. Das wie­derum ist eine Basis für eine ge­wisse in­ter­kul­tu­relle Kom­pe­tenz.

Alle Fa­cetten der ei­genen Iden­tität aner­kennen und wahr­nehmen

Borris be­tont al­ler­dings, dass im Vor­der­grund dieser Au­sei­nan­der­set­zung mit dem ei­genen Iden­titäts­kons­trukt nicht un­be­dingt die na­tio­nale Iden­ti­fi­ka­tion stehe, auch wenn eine po­si­tive Be­set­zung der franzö­si­schen bzw. deut­schen Staat­san­gehö­rig­keit zwei­fel­sohne wichtig sein kann.
 „Es ist jedem selbst über­lassen, wie er sich fühlen möchte. Mir geht es wirk­lich darum, dass sie ge­ne­rell eine kri­ti­sche Re­flexion zum Iden­titäts­kon­zept oder zu der ei­genen Iden­tität be­kommen, be­zie­hung­sweise auch zu dem, was El­tern, Lehrer oder Me­dien sagen, um dann ir­gend­wann selbst zu ent­scheiden, mit womit sie sich iden­ti­fi­zieren wollen. Für eine ge­lun­gene In­te­gra­tion ist eine Aner­ken­nung der Dif­fe­renz in der Viel­falt enorm wichtig. Ich finde es völlig le­gitim, eine bi­na­tio­nale oder eine eth­ni­sche Iden­ti­fi­ka­tion zu haben und glei­ch­zeitig zu sagen, "Ich bin hier in Deut­schland, ich kann auch an Deut­schland schätzen, dass es das Grund­ge­setz gibt und dass es einen So­zial­staat gibt"“. Ge­ne­rell ist es für die Ju­gend­li­chen wichtig, übe­rhaupt Iden­ti­fi­ka­tions­muster zu ent­wi­ckeln. Dies können auch sub­kul­tu­relle Gruppen sein, vor allem wird es da­durch, wie Borris findet, bunter. Er be­tont das Po­ten­tial für Deut­schland und Fran­kreich, eine di­ver­sitäts­be­wusste Pers­pek­tive ein­zu­nehmen und das Exis­tieren von Mehr­fa­ch­zu­gehö­rig­keiten an­zuer­kennen. Da­raus ents­tehen wert­volle Res­sourcen für die so­ziale, kul­tu­relle und wirt­schaft­liche Ent­wi­ck­lung der beiden Länder.

Was können die beiden Länder vo­nei­nander lernen?

Nicht nur die Ju­gend­li­chen lernen durch das Netz­werk In­te­gra­tion und Chan­cen­glei­ch­heit för­dern vo­nei­nander, son­dern auch die beiden Länder. In Fran­kreich er­kennt man mul­tiple Iden­titäten viel we­niger an als in Deut­schland. Es wird be­deu­tend we­niger auf die ein­zelnen Iden­titäts­par­tien (wie re­li­giöse oder ges­chlecht­liche) von den Ju­gend­li­chen ein­ge­gangen. An­der­sherum kann Deut­schland in den In­te­gra­tions­de­batten vieles von Fran­kreich lernen. Vor allem, dass man bes­timmte so­ziale Pro­bleme nicht eth­ni­siert. In Fran­kreich steht viel mehr im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein, dass es in erster Linie um eine so­ziale Pro­ble­matik geht und nicht um eine kul­tu­relle, re­li­giöse oder eine eth­ni­sche.

Auf meine Frage, ob in­ter­na­tio­naler Ju­gen­daus­tausch nun In­te­gra­tion för­dert oder nicht, ant­wortet Borris knapp aber tref­fend:
 „Wäre ich davon nicht über­zeugt, müsste ich einen an­deren Job ma­chen.“



[1] Die Ver­wen­dung der männ­li­chen Form schließt stets die Wei­bliche mit ein.