duett.fr


Silvester einmal anders: Europäisches Jugendtreffen in Berlin

E-Mail Drucken PDF

Ein be­son­deres Treffen von Gläu­bigen oder ein echtes ‘‘Fest der Na­tionen‘‘?

Von Pau­line Gre­lier
Kor­ri­giert von Lara Gregl
Fotos von Pau­line Gre­lier
Quellen: Zi­tate he­raus­ge­geben von den Web­seiten www.dom­radio.de und www.taizé.fr

Rund 30.000 junge Christen aus ganz Eu­ropa, aber auch aus an­deren Orten der Welt, ver­bringen fünf Tage in Berlin, um den Jah­res­wechsel einmal ganz an­ders zu be­gehen. Auf Ein­la­dung der Kir­chen und des Ber­liner Se­nats findet vom 28. De­zember 2011 bis 1. Ja­nuar 2012 das 34. Eu­ropäi­sche Ju­gend­treffen in Berlin statt. Diese Ve­rans­tal­tung wurde von der ‘‘Com­mu­nauté de Taizé“, einer berühmten öku­me­ni­schen Ge­mein­schaft in Taizé (eine kleine Stadt in Ost­fran­kreich) ge­gründet und seit Sep­tember 2011 vor­be­reitet.

 Aber ich höre schon jetzt eure An­mer­kungen und Einwände: Es be­trifft doch v.a. ka­tho­li­sche Kirchgänger, oder? Ja, natür­lich, aber nicht nur! Es han­delt sich nicht nur um ka­tho­li­sche Ge­bete, son­dern auch um eine gute Ge­le­gen­heit seinen Ho­ri­zont zu er­wei­tern: Es werden näm­lich Be­ge­gnungen mit Ver­tre­tern des Ju­den­tums und des Is­lams sowie im Bun­destag mit Po­li­ti­kern wie Wolf­gang Thierse (SPD), Ka­trin Gö­ring-Eckardt (Grüne) und Petra Pau (Die Linke) ve­rans­taltet. Sie dis­ku­tieren mit den Teil­neh­mern zum Thema "Schritte zu einer ge­rech­teren Welt".

Das Treffen wird tief ge­prägt von den heu­tigen eu­ropäi­schen He­raus­for­de­rungen. An­ge­sichts des Be­sor­gnis er­re­genden Miss­trauens ge­genüber der eu­ropäi­schen Idee, dessen Aus­wir­kungen auf  fi­nan­zieller, öko­no­mi­scher sowie po­li­ti­scher Ebene zu be­dauern sind, lautet das Motto des Tref­fens in diesem Jahr „Wege des Ver­trauens“. In einem Gruß­wort er­mun­terte Papst Be­ne­dikt XVI. die Teil­nehmer zu mehr Zu­ver­sicht. Es gelte, auf Basis der christ­li­chen Bot­schaft „Wege des Ver­trauens auf der ganzen Welt zu öff­nen“. Wie Ihr wisst“, sagt der Papst, „ist Ver­trauen keine blinde Leicht­gläu­big­keit. Indem ihr Euch von den Fes­seln der Angst frei­macht, macht Euch dieses Ver­trauen, das eurem Glauben an Christus und das Leben des Hei­ligen Geistes in euren Herzen ents­pringt, einfühl­samer und verfüg­barer, Euch den vielen He­raus­for­de­rungen und Sch­wie­rig­keiten zu stellen, mit denen die Men­schen heute kon­fron­tiert sind.“

Kann das Treffen ein Zei­chen dafür setzen, dass die Kirche Ort der eu­ropäi­schen So­li­da­rität zwi­schen den Na­tionen und zwi­schen den Kon­fes­sionen ist, jetzt, wo es Eu­ropa of­fen­sicht­lich an einem ge­mein­samen Iden­titäts­gefühl man­gelt? Ist die Re­li­gion fä­higer als die Po­litik selbst, eine feste Brücke zu bauen? Welche Be­deu­tung hat dieses Treffen für die Zu­kunft Eu­ropas?

das MessegeländeDas Team aus Taizé und un­gefähr 160 Kir­chen­ge­meinden der Re­gion Berlin-Bran­den­burg haben zu­sammen gear­beitet, um diesen be­son­deren Rutsch ins neue Jahr vor­zu­be­reiten und um fast 30.000 junge Men­schen zu be­grüßen. Zu dem Treffen sind rund 30.000 Ju­gend­liche an­ge­meldet, davon 20.000 aus dem Aus­land. Rund 10.000 kommen aus Deut­schland,  6.000 aus Polen und je­weils 2.000 aus Fran­kreich, Ita­lien, Kroa­tien  und der Ukraine ... Meis­tens kennen sie sich schon un­te­rei­nander und haben schon eine ge­mein­same Er­fah­rungen ge­sam­melt, zum Bei­spiel wäh­rend der WJT (Welt­ju­gend­tage) in Ma­drid im Au­gust 2011 (in­ter­na­tio­naler Tag der Ju­gend). Zu dieser neuen Etappe auf dem Pil­gerweg des so­ge­nannten „Ver­trauens auf der Erde“ ver­sam­meln sie sich nun unter dem Motto „Wege des Ver­trauens“ wieder, um ge­meinsam zu feiern und in das neues Jahr zu starten.  Es wurden schon in den letzten Jahren solche Reisen nach Brüssel, Posen und Rot­terdam or­ga­ni­siert. Warum ei­gent­lich findet das 34. eu­ropäi­sche Treffen dieses Jahr in Berlin statt?

Eine ers­taun­liche Wahl, wenn man be­denkt, dass in Berlin viele Men­schen leben ohne viel Kon­takt zum christ­li­chen Glauben. Die Ka­tho­liken (19% der  Bevöl­ke­rung) sowie die Pro­tes­tanten (eben­falls 19%) stellen in der Haupts­tadt eine Min­de­rheit dar. Laut der Kanz­lerin An­gela Merkel, die sich über diese Wahl öf­fent­lich ge­freut hat, stellt die Ent­schei­dung für „diese Stadt mit ver­schie­denen Na­tionen, Kul­turen und Re­li­gionen einen be­son­dere Ak­zent ihres En­ga­ge­ments für den öku­me­ni­schen und eu­ropäi­schen Ge­dan­ken“ dar. Berlin ist näm­lich für seine immer prä­sente, re­lativ neue Ges­chichte (ge­teilte Stadt und Fall der Mauer) berühmt und darum ver­sinn­bild­licht sie eine große Hoff­nung. Wer hat diese im Fern­sehen über­tra­gene, laut ju­belnde Menge ver­gessen?! Es ist nicht das erste Mal, dass die Wahl auf Berlin fällt: Schon im Jahr 1986, zu DDR-Zeiten, drei Jahre vor dem Fall der Mauer, konnte der Or­dens­bruder Roger, Be­gründer der Ge­mein­schaft, zu einem Treffen nach Ost­berlin fahren, zu dem sich 6.000 Ju­gend­liche aus Ost­deut­schland  ve­ra­breden hatten. Mit diesem Rück­blick auf die Ver­gan­gen­heit vers­tehen wir besser, wie Berlin als Ort der Versöh­nung und Ei­ni­gung gelten kann. „Nir­gendwo können die Ju­gend­li­chen besser vers­tehen, dass Frei­heit nichts selbst­verständ­li­ches ist und dass man Mauern immer wieder ein­reißen muss“, sagte der Theo­loge. Berlin ist übri­gens heute vom Mul­ti­kul­tu­ra­lismus (viele Leute mit Emi­gra­tion­shin­ter­grund leben dort) ge­prägt. Des­wegen steht die Stadt für das Symbol eines ve­reinten Eu­ropas.

 Und 2011 hat Eu­ropa stets nach neuem Sch­wung ge­sucht, leider ver­ge­blich. Frère Alois, der Prior von Taizé, der jetzt die Ge­meinde lautet, hat da­raufhin einen Brief ver­fasst, in dem er seinen Wunsch nach mehr So­li­da­rität mit­tels Glauben aus­drückt. Als er zu  hu­ma­nitären Hilf­sak­tionen (me­di­zi­ni­sche Mittel und Nah­rung­smittel)  für die Bevöl­ke­rung  in Nord­korea au­fruft, sagt er selbst, dass „So­li­da­rität nicht an un­serer Tür aufhören kann“. Übri­gens wurde den Teil­neh­mern vor­ges­chlagen, me­di­zi­ni­sche Geräte und Me­di­ka­mente nach Berlin mit­zu­bringen, um ge­mein­same Ans­tren­gungen zu un­ter­nehmen. Zwar stoßen wir übli­cher­weise in Berlin auf Gleichgül­tig­keit und Ano­ny­mität, wie in allen großen Hauptstädten. Aber diese Ve­rans­tal­tung ermö­glicht zu­min­dest, die kul­tu­relle Viel­falt ohne Tabus zu en­thüllen. Aus­tausch und Dialog ve­rhin­dern Vo­rur­teile. Wenn man die Jun­gend­li­chen fragt, welche Bi­lanz und welche prä­genden Er­fah­rungen sie aus diesem be­son­deren Mo­ment ziehen, kommt zuerst das Wort „die Ein­fa­ch­heit“. Und tatsä­chlich ist genau das der Ein­druck, der so­fort beim Zu­schauer ents­teht. Eine gemüt­liche At­mos­phäre, in der  alle Tabus, jede Be­dro­hung und Kon­kur­renz ver­sch­winden. Ein Ort, an dem es viele strah­lende Men­schen gibt, mit denen man un­kom­pli­ziert über den Glauben und das Leben spre­chen kann.

 

 Das Pro­gramm eines Tages

Sehr früh stehen die Teil­nehmer auf, um um 8.30 Uhr jeden Morgen an dem Mor­gen­gebet in den Kir­chen­ge­meinden teil­zu­nehmen. Am Nach­mittag werden Treffen zu ver­schie­denen geist­li­chen, ge­sell­schaft­li­chen, po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen Themen an­ge­boten, in denen es um die Quellen des Glau­bens und um die Frage geht, wie sich jeder Ein­zelne im Dienst für die An­deren ein­setzen kann. Unter an­derem dis­ku­tieren Ju­gend­liche im Reichstag mit Mit­glie­dern des Deut­schen Bun­des­tages über das Thema „Für eine ge­rech­tere Welt: Po­litik und Ve­rant­wor­tung der Bür­ger“. In Klein­gruppen werden Ges­präche über ver­schie­dene Themen wie das Ver­trauen oder die Ar­beit mit der Bibel bezü­glich Freude, Ein­fa­ch­heit und Ver­zeihen vor­ges­chlagen. Aber es han­delt sich nicht nur um einen rein ka­tho­li­schen Bezug, son­dern auch um Über­le­gungen zu den heu­tigen Pro­blemen Eu­ropas und der Be­zie­hung zu den an­deren Re­li­gionen. Zum Bei­spiel werden Ges­präche und De­batten über den Platz Ju­gend­li­cher in der heu­tigen Ge­sell­schaft vor­ges­chlagen: „sich empören, zurü­ck­ziehen oder en­ga­gie­ren“. An­dere Themen haben mehr mit der Po­litik zu tun und lauten „Für eine neue So­li­da­rität in der Wirt­schaft“, „Wel­ches Eu­ropa wollen wir? Eu­ropäer aus drei Ge­ne­ra­tionen und drei Länder im Ges­präch über die Zu­kunft des Erd­teils“. An­dere wie­derum mit Ge­sell­schafts­pro­blemen wie „Die Flücht­linge-so nah und manchmal so fern: Treffen mit dem Je­suiten-Flücht­ling­sdienst“ oder „Hunger nach Wah­rheit, Hunger nach Frei­heit: die Verän­de­rung in Os­teu­ropa und die Rolle der Christen. Was kann man aus der Ver­gan­gen­heit für heute lernen?“. Dazu haben auch die Teil­nehmer die Mö­gli­ch­keit, sich mit Ver­tre­tern an­derer Re­li­gionen zu un­te­rhalten, bei­spiels­weise mit einer Rab­bi­nerin, mit Mit­glie­dern der Jü­di­schen Ge­meinde in Berlin oder mit or­tho­doxen Christen. Der Be­such einer Ber­liner Mo­schee unter dem Thema „Was können wir zu­sammen mit den Gläu­bigen des Islam un­ter­nehmen? “ oder einen Rund­gang um die Ber­liner Mauer werden auch an­ge­boten. Des­wegen wurden zu diesem Erei­gnis, das aus dem engen Rahmen des reinen Glau­bens ein wenig he­raus­tritt,  an­dere Leute mo­bi­li­siert.

Bruder Alois, Prior der Com­mu­nauté de Taizé, hatte als Vor­be­rei­tung einen „Auf dem Weg zu einer neuen So­li­da­rität“ ge­lau­teten Brief ver­fasst. Bruder Alois schreibt in diesem Brief, der in über fünfzig Spra­chen über­setzt wurde: „Zwi­schen­men­schliche So­li­da­rität ist von jeher not­wendig, sie braucht aber stän­dige Er­neue­rung, eine Ver­jün­gung durch neue Aus­drucks­wei­sen“. An­ge­sichts der welt­wirt­schaft­li­chen Er­schüt­te­rungen und Ver­schie­bungen des geo­po­li­ti­schen Gleich­ge­wichts sowie der zu­neh­menden Un­glei­ch­heit stellt der Prior von Taizé die Frage: „Sind dies nicht Gründe, na­ch­drü­ck­li­cher nach den Ent­schei­dungen zu fragen, die wir für unser Leben  fällen sollten?“

Da der Treff­punkt vielfäl­tige Themen um­fasst und von der Ge­gen­wart tief ge­prägt ist, sind an die  Teil­nehmer ge­rich­tete Gruß­bot­schaften und Un­terstüt­zung  ein­ge­gangen: von Papst Be­ne­dikt XVI., vom or­tho­doxen Pa­triar­chen von Kons­tan­ti­nopel und Moskau, vom Erz­bi­schof von Can­ter­bury, von lu­the­ri­schen und re­for­mierten Kir­chen­ve­rant­wort­li­chen, aber auch von po­li­ti­schen Ve­rant­wort­li­chen wie dem UNO-Ge­ne­ral­se­kretär Ban Ki Moon, dem Deut­schen Bun­des­prä­si­denten und  Herman van Rompuy, dem Prä­si­dent des Eu­ro­pa­rates.

Herman van Rompuy wür­digt den Brief und das Ziel des Bru­ders Alois und macht sich stark für die So­li­da­rität durch die „Liebe“ zu Gott. Wir sind nicht daran gewöhnt, ihn so reden zu hören:
„So kommt eine So­li­da­rität rund um die Person Jesu Christi zum Aus­druck, durch den un­sere Men­schli­ch­keit einen sinns­tif­tenden Aus­druck be­kommt. Das beste Sy­nonym für Jesus Christus ist für mich Liebe. Nicht eine abs­trakte, flüch­tige Liebe, son­dern echte Liebe, in der Wirk­li­ch­keit der Welt und des All­tags ve­ran­kert. Eine Liebe, die auf an­dere zu­geht, eine Liebe, die zur Tat wird, eine Liebe, die han­delt. Liebe also, die über den Be­griff der so­zialen Ge­rech­tig­keit hi­naus­geht, oder diesen viel­mehr übe­rhöht, um ihm dieses „ge­wisse Et­was“, dieses „Mehr“ zu ver­leihen, die uns zu wirk­lich le­ben­digen Men­schen macht. Weil In­di­vi­dua­lismus und seine po­pu­lis­ti­schen und ex­trem-na­tio­na­lis­ti­sche Formen nur einen „ein­di­men­sio­na­len“ Men­schen her­vor­bringen und diesen in Raum und Zeit ein­schränken.“

Der Ge­ne­ral­se­kretär der Ve­reinten Na­tionen, Ban Ki Moon, be­grüßt die Ini­tia­tive der Ge­mein­schaft und zeigt sich be­geis­tert:
‘‘Es ist sehr er­mu­ti­gend für mich zu wissen, dass Sie in be­son­derer Weise nach neuen Formen der So­li­da­rität su­chen. Sie kommen in einer Zeit großer Verän­de­rungen und He­raus­for­de­rungen zu­sammen. Un­sere Welt steht immer kom­plexer wer­denden Zu­sam­menhängen ge­genüber: stei­gende Ar­beits­lo­sig­keit, eine immer größere Un­glei­ch­heit und die zu­neh­menden Ge­fahren des Kli­ma­wan­dels. Viele Men­schen sind von der bes­te­henden Ord­nung enttäu­scht, sie miss­trauen den ge­sell­schaft­li­chen Ins­ti­tu­tionen, und ein Gefühl macht sich breit, dass sich auf na­tio­naler und auf glo­baler Ebene immer mehr die fest eta­blierten In­te­ressen ei­niger We­niger durch­setzen.“
„Wir müssen einen ge­mein­samen Zeit­plan auf­stellen, um die zukünf­tigen Ge­ne­ra­tionen in einer Welt daue­rhaften Frie­dens, Wohl­stands, in Frei­heit und Ge­rech­tig­keit auf­wachsen zu lassen. Zum Aufbau einer sol­chen Zu­kunft muss sich die Welt meiner An­sicht nach auf fünf vor­ran­gige Ziele kon­zen­trieren, bei denen So­li­da­rität eine we­sent­liche Rolle spielt: es geht ers­tens um eine na­ch­hal­tige Ent­wi­ck­lung, zwei­tens um Kon­flikt­ve­rhü­tung, drit­tens um das Ein­treten für De­mo­kratie und Men­schen­rechte, vier­tens darum, Länder im Über­gang zu un­terstützen, und fünf­tens darum, sich für Frauen und Ju­gend­liche ein­zu­setzen. (...) Mir ist be­wusst, dass wir in einer Welt, in der wir vor ge­mein­samen He­raus­for­de­rungen stehen, eine für alle si­che­rere, wohl­ha­ben­dere Zu­kunft bauen können, wenn wir zu­sam­me­nar­beiten. So­li­da­rität muss die Grund­lage für glo­bale Lö­sungen sein.“

 

Das Fest der Na­tionen selbst

Weil die Ju­gend­li­chen die Zu­schauer, aber auch die Ak­teure dieser eu­ropäi­schen Zu­kunft und dieser Fra­ges­tel­lungen sind, be­grüßen sie das neue Jahr nach Mit­ter­nacht mit einem "Fest der Na­tionen". An­schließend stellen sich die Teil­nehmer ihren Gast­ge­bern mit kul­tu­rellen Dar­bie­tungen vor. Des­wegen ist es auch die Ge­le­gen­heit, sich die Frage nach der In­te­gra­tion zu stellen. Sind die Ein­wan­derer in Deut­schland, aber auch im All­ge­meinen in­ne­rhalb Eu­ropas gut in­te­griert? Das heißt, achtet die Po­litik genug auf ihre spe­zi­fi­sche Kultur, ihren Glauben, usw., um den Werten Eu­ropas mehr Ver­trauen zu geben und in­fol­ge­dessen mehr Zu­sam­men­halt,  mehr So­li­da­rität, und schließ­lich ein echtes Iden­titäts­gefühl?  Hier in der Mes­se­halle dieser Ve­rans­tal­tung er­leben wir di­rekt den wahren Reichtum Eu­ropas. Der „Com­mu­nauté de Taizé“ ge­lingt die He­raus­for­de­rung, in allen an­we­senden Spra­chen eine ge­mein­same Rede zu halten und eine ge­mein­same Bot­schaft zu über­bringen. Das be­deutet, jede ei­gene Kultur zu res­pek­tieren und sich über diese Un­ter­schiede zu freuen und glei­ch­zeitig ein ge­mein­sames Leben mit einem ein­heit­li­chen Ziel und einer ge­mein­samen Hoff­nung vor­zu­schlagen. Der  wun­der­schöne Aus­tausch zwi­schen Kul­turen, die Viel­falt  ver­schie­dener Denk­weisen, die dort zu er­leben sind, schien genau das zu sein, was Eu­ropa berück­sich­tigen müsste und wo­rauf es achten müsste, um ein Weg aus der Krise zu finden! …


We­nige Stunden vor dem Jah­res­wechsel wirkt die Mes­se­halle, in der die meisten Ge­bete statt­ge­funden haben, wie eine Pa­ral­lel­welt. Kein Klang. Die Stille. Sil­vester mit den Taizé-Brü­dern un­ter­scheidet sich von den Feier­li­ch­keiten am Bran­den­burger Tor! Hun­derte Ju­gend­liche ho­cken oder knien andächtig auf dem Boden, wäh­rend zeit­gleich am fast zehn Ki­lo­meter ent­fernten Bran­den­burger Tor Men­schen­massen dem neuen Jahr ent­ge­gen­fie­bern. Die Teil­nehmer sitzen vor gelben Bil­dern, die an die Wand pro­ji­ziert werden. Sie gelten als Zei­chen für die Versöh­nung unter den Men­schen. Die Menge singt geist­liche Lieder. Viele kennen die Texte aus­wendig, an­dere schauen in Lied­heft­chen. Hin und wieder wird fo­to­gra­fiert. "Es ist eine schöne Er­fah­rung, den Jah­res­wechsel mit Freunden stiller als sonst zu ver­bringen. Party können wir immer noch ma­chen", sagt Anna-Lena Werner. "Wahn­sinn", sagt die Sitz­nach­barin der 19-jäh­rigen Anna-Lena be­geis­tert.

Der „Pil­gerweg des Ver­trauens“  zurück zu Hause

Wie geht der „Pil­gerweg des Ver­trauens“ zu Hause weiter? - so lautet eins der letzten Dis­kus­sions­themen in Klein­gruppen. Um das Haupt­ziel zu erwähnen, spricht der Bruder Alois von den Er­schüt­te­rungen in der Welt­wirt­schaft, die uns alle be­treffen. "Die zu­neh­menden Un­glei­ch­heiten, selbst in­ne­rhalb rei­cher Ge­sell­schaften, wie auch die un­kon­trol­lierte Aus­beu­tung der Rohs­toffe sind Quellen der Kon­flikte von morgen." Reiche Ge­sell­schaften müssten lernen, sich "mit we­nigem zu be­gnügen", un­ters­treicht der Geist­liche mit leiser Stimme. Beim Sil­vester-Abend­gebet rief der Prior der öku­me­ni­schen Ge­mein­schaft, Bruder Alois, die Ju­gend­li­chen dazu auf, in ihren Hei­matlän­dern Ve­rant­wor­tung für eine ge­rechte Welt zu über­nehmen. Er be­dankte sich schließ­lich bei den Ber­li­nern und Bran­den­bur­gern, die als Gast­geber und Helfer zum Ge­lingen des Tref­fens bei­ge­tragen haben. Es ist also nicht zu leu­gnen, dass die Ve­rans­tal­tung auch Wir­kung auf die teil­neh­menden Ber­liner Nicht­christen ve­rur­sacht hat. Übri­gens wurde auch im Laufe eines franzö­si­schen Ges­prächs, über die Sch­wie­rig­keiten ge­redet, in einer zu­neh­mend  sä­ku­la­ri­sierten Welt Gläu­bige zu sein und dazu zu stehen. Die Be­zie­hung zu den Nicht-Gläu­bigen wurde also he­rauf­bes­chwört. Ans­tatt sich in sich zurü­ck­zu­ziehen oder im Ge­gen­teil die An­deren von der Sti­ch­hal­tig­keit seines Den­kens  über­zeugen zu wollen, müsse das Chris­tentum offen bleiben und auch von den an­deren Re­li­gionen lernen - so lautet die Bot­schaft der Ve­rans­talter. So geht es auch im Rahmen der EU: das So­li­da­ritäts­prinzip gilt hier nur, wenn man die Un­ter­schiede und die kul­tu­relle Viel­falt der an­deren Na­tionen Eu­ropas ak­zep­tiert, nicht wahr?

Als Erin­ne­rung für zu Hause“ bringen ei­nige ihre Kerze mit. Wenn am Abend die fast 30.000 jungen Christen glei­ch­zeitig zum Bahns­teig strömen, geht es für sie mit der überfüllten S-Bahn in ihre Pfarr­ge­meinde und zu den Quar­tieren zurück, die Fa­mi­lien frei­willig bei sich an­bieten. Langsam wird die Sil­ves­ters­tim­mung ges­taltet: Es wird ge­sungen, ge­tanzt und ge­lacht. Manche von ihnen haben vor, später doch noch zum Bran­den­burger Tor zu ziehen.

 Beim Zurück­gehen zum Olympia Sta­dium, wo die Busse auf sie warten, ist es Zeit, sich über seine Ab­sichten klar zu werden. Viele wollen un­be­dingt nach Taizé auf­bre­chen und noch­mals eine ähn­liche Er­fah­rung  er­leben. Die Mo­ti­va­tion dafür ist auch, - und sie darf nicht ge­leu­gnet werden - ver­schie­dene Orte in Eu­ropa zu be­su­chen. Schon am 4. März können sie sich noch mal in Köln ver­sam­meln, wo Frère Alois in der Kirche Sankt Agnes zu Be­such kommt.

Wäh­rend dieser Ve­rans­tal­tung in Berlin wurde auch der nächste Treff­punkt of­fi­ziell an­gekün­digt. Immer im Namen der So­li­da­rität  wurde von den Brü­dern von Taizé die Stadt Rom gewählt. Es ist trotzdem nicht ver­boten, zu hoffen, dass sich in­ne­rhalb eines Jahres die öko­no­mi­sche Si­tua­tion in Ita­lien ver­bes­sern wird! Auf jeden Fall dürfen die Teil­nehmer der fröh­li­chen kleinen Gruppe aus Ita­lien, die am Sil­vester Abend unter den ersten Klängen der Knallkörper und des Feuer­werks draußen vor der Mes­se­halle zu­sammen tanzt, schon vers­pre­chen,  nächstes Jahr diese neue Er­fah­rung nicht zu ver­passen ;
"Al­lora,… pos­siamo darci fin da adesso ap­pun­ta­mento a Roma per l'anno pros­simo!"

Letzte Kommentare

Letzte Nachrichten im Forum

Konnexion