Schmerzvolle Erinnerungen von Oradour-sur-Glane bis ins Elsass

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Das Dorf Oradour in der Nähe von Limoges wurde 1942 von den Nazis komplett niedergebrannt

Von Hanna Gief­fers
Fotos: Fa­bien Le­plus und Hanna Gief­fers 

 

Das Licht geht wieder an im Saal des kleinen Pro­gramm­kinos Odysée in Stras­bourg. Ve­rein­zelt schnäuzen Zu­schauer in ihr Ta­schen­tuch. Die Szenen des Films „Ein Leben mit Ora­dour“ hängen schwer im Raum. Der Film erzählt die Ges­chichte von Ro­bert Hé­bras, Über­le­bender des Mas­sa­kers von Ora­dour im Jahr 1942. Sein Schicksal ist sch­merz­voll an das Schicksal des El­sass geknüpft. Elsäs­si­sche Sol­daten waren als Zwang­sein­ge­zo­gene Teil der SS-Di­vi­sion, die in Ora­dour 642 Men­schen er­mor­dete.


„Wenn ich durch den Ort gehe, sehe ich das Dorf von da­mals. Ich erin­nere mich an meine Kind­heit, höre Stimme, sehe Ge­sichter.“

Robert Hébras, Überlebender des Massakers von OradourHeute steht ein wohl­gek­lei­deter, äl­terer Mann mit wa­chen Augen und spitzem Vers­tand vor der Lein­wand im Saal. Weder sieht noch merkt man ihm seine 86 Jahre an. Am Knopf seines Ja­cketts trägt er eine kleine rote Ro­sette, das Zei­chen der franzö­si­schen Eh­ren­le­gion.

Auf der Lein­wand schreitet Ro­bert Hé­bras durch die Trümmer des nord­franzö­si­schen Dorfes Ora­dour-sur-Glane. Zu­sammen mit der zweiten Haupt­person des Films, Jean-Marcel Dar­thout, über­lebte er am 10. Juni 1944 als einer von sechs Dorf­be­woh­nern das „Mas­saker von Ora­dour“. Heute ist das Mas­saker der zweiten Di­vi­sion der Waffen-SS „Das Reich“ Sinn­bild für den sinn­losen Terror des Nazi-Re­gimes.

An einem Sam­stag um 14 Uhr er­reichte die SS-Truppe das kleine Dorf Ora­dour, nicht weit von Li­moges. Nur we­nige Stunden später waren 642 Be­wohner des Dorfes von der SS-Truppe getötet. 247 Frauen und 206 Kinder wurden in der Kirche ver­brannt, die Männer in Scheunen zu­sam­men­gep­fercht und hin­ge­richtet, bevor dort eben­falls Feuer ge­legt wurde. Hé­bras war 19 Jahre alt, als er an diesem Tag zwei seiner Sch­wes­tern und seine Mutter verlor. Sein Vater über­lebte, da er sich nicht im Dorf auf­hielt zum Zeit­punkt des Mas­sa­kers. Hé­bras konnte aus der Scheune Laudy fliehen. „Die SS-Sol­daten schossen mit Ma­schi­nen­pis­tolen in die Menge, ich lag am Boden, auf mich fielen die toten Körper meiner Freunde und Be­kannten.“ erin­nert er sich. Die Ku­geln ver­letzen ihn am Bein und an der Hand. Als die Sol­daten die Scheune ans­teckten, fingen sein Arm und seine Haare Feuer. Da wusste er: „Ich muss aus der Scheune fliehen um zu über­leben.“ Er schaffte es, sich auf eine nahe Wiese zu retten.

Hé­bras Be­such in Stras­bourg ist eine be­son­dere Film­vors­tel­lung. „Es soll ein Abend der Erin­ne­rung und der Versöh­nung werden und kein Abend der Abrech­nung“, erin­nert der Pro­gramm­chef des Kinos, Faruk Gü­naltay vor der Film­be­ginn. Doch die Wunden sitzen tief, auf beiden Seiten.

100 000 Elsässer waren Sol­daten wider Willens und trugen deut­sche Uni­formen, auch in Ora­dour

Das Mas­saker von Ora­dour-sur-Glane ist nicht nur Teil der deutsch-franzö­si­schen Ges­chichte und Teil des Le­bens von Ro­bert Hé­bras, son­dern auch ein wich­tiger Teil der elsäs­si­schen Ges­chichte. Dies ist je­doch wei­taus we­niger be­kannt. Die Erin­ne­rung an das Mas­saker ist di­rekt verknüpft mit der Ges­chichte vieler Elsässer Sol­daten, die in deut­scher Uni­form gekämpft haben, die so­ge­nannte „malgré-nous“: Sol­daten „wider un­seren Willens“. Das El­sass war von 1940 bis 1945 von Deut­schland an­nek­tiert.

Unter den Sol­daten in Ora­dour, be­fanden sich 14 Elsässer. Nur Georges-René Boos hatte sich frei­willig zum Dienst in der Waffen-SS ge­meldet. Die an­deren 13 waren zwang­sein­ge­zo­gene Sol­daten.

Mit dem am 23. Au­gust 1942 ve­rab­schie­deten „De­kret des In­nen­mi­nis­te­riums des Rei­ches über die Na­tio­na­lität im El­sass, in der Lor­raine und in Luxem­bourg“ wurden alle Per­sonen deut­scher Abs­tam­mung au­to­ma­tisch zu Deut­schen erklärt. Dazu zählten alle Per­sonen, dessen Großel­tern Deut­sche waren, aber auch die­je­nigen, die in den ge­nannten Ge­bieten ge­boren sind. Nur einen Tag später ord­nete Gau­leiter Ro­bert Wagner die Ein­zie­hung der jungen Elsässer in die deut­sche Wehr­macht sowie in die Ab­tei­lung der Waffen-SS an. Die Sol­daten waren zwi­schen 18 und 38 Jahre alt.

Ins­ge­samt haben 100 000 Elsässer in der Uni­form der Armee Hit­lers gekämpft. Davon sind 32 000 wäh­rend des Krieges ges­torben, 10 500 gelten als ver­misst. Nach dem Ende des Krieges mussten sie oft­mals sich selbst und ihrem Um­feld erklären, die Uni­form einer Armee ge­tragen zu haben, die schre­ck­liche Dinge getan hat. Ebenso galt es für viele zu ver­kraften, Teil einer Di­vi­sion der Waffen-SS ge­wesen zu sein, welche kol­lektiv als „Krieg­sver­bre­cher“ durch die Nürn­berger Pro­zesse ve­rur­teilt wurden.


Ein Leben nach Ora­dour: der Sch­merz sitzt tief

Die Elsässer, die am Mas­saker von Ora­dour be­tei­ligt waren, wurden 12. Fe­bruar 1953 vom franzö­si­schen Mi­litär­ge­richt in Bor­deaux ve­rur­teilt. Der frei­willige Soldat wurde zum Tode ve­rur­teilt, die an­deren 13 zu Strafen zwi­schen fünf und elf Jahren Zwang­sar­beit und fünf bis acht Jahren Gefän­gnis. Be­reits kurz da­rauf wurde am 19. Fe­bruar 1953 von der franzö­si­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung ein Am­nes­tie­ge­setz für die zwang­sein­ge­zo­genen elsäs­si­schen Sol­daten er­lassen.

Lange Zeit hat Ro­bert Hé­bras ge­glaubt, alle Elsässer haben sich frei­willig für die deut­sche Armee ent­schieden. „Es hieß, dass die Waffen-SS nur aus Frei­willigen bes­teht“, sagt er. In diesem Glauben habe er auch sein Buch über Ora­dour ver­fasst.

Gegen dieses Buch haben ver­schie­dene stras­bourger Ve­reine der „malgré-nous“ im Ok­tober 2010 gek­lagt. Das Land­ge­richt in Stras­bourg hat Ro­bert Hé­bras Recht ge­geben und da­rauf be­harrt, dass Hé­bras weder Jour­na­list noch His­to­riker sei, son­dern ein Zeit­zeuge, der nicht ent­scheiden konnte, wer Nazi und wer Elsässer war. In einer zweiten Au­flage des Bu­ches hatte Hé­bras die pro­ble­ma­ti­schen Stellen des Bu­ches je­doch verän­dert. Al­ler­dings wurde durch ein Miss­ges­chick die erste Au­flage noch­mals ge­druckt.

Nach der Film­vors­tel­lung ent­brennt im Ki­no­saal eine zweistün­dige Dis­kus­sion, in der es nicht um die Schuld der Deut­schen in diesem Drama geht, son­dern in der die Rolle der „malgré-nous“ im Zen­trum stand.

Der Sch­merz der „malgré-nous“ und ihrer An­gehö­rigen sitzt tief. Der Prä­si­dent eines Ve­reins von Wai­sen­kin­dern dieser Sol­daten sagte: „Es tut mir weh, wenn der Bür­ger­meister von Stras­bourg um Ver­zei­hung bittet. Viele elsäs­si­sche Fa­mi­lien haben Väter und Söhne ver­loren.“ „Auch ich habe meine Mutter und zwei Sch­wes­tern ver­lo­ren“, ent­ge­gnete Ro­bert Hé­bras. Faruk Gü­naltay, Pro­gramm­di­rektor des Kinos ver­sucht die Dis­kus­sion zu besänf­tigen: „Es macht keinen Sinn, einem Sch­merz einen an­deren Sch­merz ge­genü­ber­zus­tellen.“

Diese hit­zige De­batte zeigt auf der einen Seite den immer noch prä­senten Wunde, den diese dunkle Epi­sode der Ges­chichte im El­sass hin­ter­lassen hat. Auf der an­deren Seite wirf es die Frage nach der Au­far­bei­tung dieses Teils der franzö­si­schen Ges­chichte auf. Wel­chen Platz nehmen die „malgré nous“ in der franzö­si­schen Ges­chichte ein?

Ro­bert Hé­bras ist nach Stras­bourg ge­kommen, um sich über die Dif­fe­renzen zu versöhnen. Er sagte: „Lange Zeit habe ich gegen die Men­schen, die dieses Mas­saker getan haben, einen Hass verspürt. Dies hat sich ge­wan­delt.“ Ora­dour be­deute für ihn heute weder Hass noch Ver­gessen.“

Links:

Die Seite des Film „Une vie avec Ora­dour“: Der Film­start in Deut­schland ist im Früh­jahr 2012 ge­plant.
http://www.ora­dour-le­film.com/

Seite des Dorfes Ora­dour-sur-Glane

Centre de mé­moire in Ora­dour-sur-Glane

Buch von Ro­bert Hé­bras