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Schmerzvolle Erinnerungen von Oradour-sur-Glane bis ins Elsass

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Schmerzvolle Erinnerungen von Oradour-sur-Glane bis ins Elsass
Der Massaker von Oradour-sur-Glane
Ein Leben nach Oradour: der Schmerz sitzt tief

„Wenn ich durch den Ort gehe, sehe ich das Dorf von da­mals. Ich erin­nere mich an meine Kind­heit, höre Stimme, sehe Ge­sichter.“

Robert Hébras, Überlebender des Massakers von OradourHeute steht ein wohl­gek­lei­deter, äl­terer Mann mit wa­chen Augen und spitzem Vers­tand vor der Lein­wand im Saal. Weder sieht noch merkt man ihm seine 86 Jahre an. Am Knopf seines Ja­cketts trägt er eine kleine rote Ro­sette, das Zei­chen der franzö­si­schen Eh­ren­le­gion.

Auf der Lein­wand schreitet Ro­bert Hé­bras durch die Trümmer des nord­franzö­si­schen Dorfes Ora­dour-sur-Glane. Zu­sammen mit der zweiten Haupt­person des Films, Jean-Marcel Dar­thout, über­lebte er am 10. Juni 1944 als einer von sechs Dorf­be­woh­nern das „Mas­saker von Ora­dour“. Heute ist das Mas­saker der zweiten Di­vi­sion der Waffen-SS „Das Reich“ Sinn­bild für den sinn­losen Terror des Nazi-Re­gimes.

An einem Sam­stag um 14 Uhr er­reichte die SS-Truppe das kleine Dorf Ora­dour, nicht weit von Li­moges. Nur we­nige Stunden später waren 642 Be­wohner des Dorfes von der SS-Truppe getötet. 247 Frauen und 206 Kinder wurden in der Kirche ver­brannt, die Männer in Scheunen zu­sam­men­gep­fercht und hin­ge­richtet, bevor dort eben­falls Feuer ge­legt wurde. Hé­bras war 19 Jahre alt, als er an diesem Tag zwei seiner Sch­wes­tern und seine Mutter verlor. Sein Vater über­lebte, da er sich nicht im Dorf auf­hielt zum Zeit­punkt des Mas­sa­kers. Hé­bras konnte aus der Scheune Laudy fliehen. „Die SS-Sol­daten schossen mit Ma­schi­nen­pis­tolen in die Menge, ich lag am Boden, auf mich fielen die toten Körper meiner Freunde und Be­kannten.“ erin­nert er sich. Die Ku­geln ver­letzen ihn am Bein und an der Hand. Als die Sol­daten die Scheune ans­teckten, fingen sein Arm und seine Haare Feuer. Da wusste er: „Ich muss aus der Scheune fliehen um zu über­leben.“ Er schaffte es, sich auf eine nahe Wiese zu retten.

Hé­bras Be­such in Stras­bourg ist eine be­son­dere Film­vors­tel­lung. „Es soll ein Abend der Erin­ne­rung und der Versöh­nung werden und kein Abend der Abrech­nung“, erin­nert der Pro­gramm­chef des Kinos, Faruk Gü­naltay vor der Film­be­ginn. Doch die Wunden sitzen tief, auf beiden Seiten.

100 000 Elsässer waren Sol­daten wider Willens und trugen deut­sche Uni­formen, auch in Ora­dour

Das Mas­saker von Ora­dour-sur-Glane ist nicht nur Teil der deutsch-franzö­si­schen Ges­chichte und Teil des Le­bens von Ro­bert Hé­bras, son­dern auch ein wich­tiger Teil der elsäs­si­schen Ges­chichte. Dies ist je­doch wei­taus we­niger be­kannt. Die Erin­ne­rung an das Mas­saker ist di­rekt verknüpft mit der Ges­chichte vieler Elsässer Sol­daten, die in deut­scher Uni­form gekämpft haben, die so­ge­nannte „malgré-nous“: Sol­daten „wider un­seren Willens“. Das El­sass war von 1940 bis 1945 von Deut­schland an­nek­tiert.

Unter den Sol­daten in Ora­dour, be­fanden sich 14 Elsässer. Nur Georges-René Boos hatte sich frei­willig zum Dienst in der Waffen-SS ge­meldet. Die an­deren 13 waren zwang­sein­ge­zo­gene Sol­daten.

Mit dem am 23. Au­gust 1942 ve­rab­schie­deten „De­kret des In­nen­mi­nis­te­riums des Rei­ches über die Na­tio­na­lität im El­sass, in der Lor­raine und in Luxem­bourg“ wurden alle Per­sonen deut­scher Abs­tam­mung au­to­ma­tisch zu Deut­schen erklärt. Dazu zählten alle Per­sonen, dessen Großel­tern Deut­sche waren, aber auch die­je­nigen, die in den ge­nannten Ge­bieten ge­boren sind. Nur einen Tag später ord­nete Gau­leiter Ro­bert Wagner die Ein­zie­hung der jungen Elsässer in die deut­sche Wehr­macht sowie in die Ab­tei­lung der Waffen-SS an. Die Sol­daten waren zwi­schen 18 und 38 Jahre alt.

Ins­ge­samt haben 100 000 Elsässer in der Uni­form der Armee Hit­lers gekämpft. Davon sind 32 000 wäh­rend des Krieges ges­torben, 10 500 gelten als ver­misst. Nach dem Ende des Krieges mussten sie oft­mals sich selbst und ihrem Um­feld erklären, die Uni­form einer Armee ge­tragen zu haben, die schre­ck­liche Dinge getan hat. Ebenso galt es für viele zu ver­kraften, Teil einer Di­vi­sion der Waffen-SS ge­wesen zu sein, welche kol­lektiv als „Krieg­sver­bre­cher“ durch die Nürn­berger Pro­zesse ve­rur­teilt wurden.



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