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Krakau: Spiegelbild eines jungen, dynamischen und vielfältigen Europas

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Marktplatz Krakau

Krakau ist in Polen in!

Von Lara Gregl

In der schönen, alten Stadt im Süden Po­lens tum­meln sich junge Men­schen, Tou­risten und Stu­die­rende aus aller Welt. Es lockt sie eine wel­tof­fene Stadt, die Kultur- und Ges­chicht­sin­te­res­sierten, Feier­lus­tigen und Neu­gie­rigen, die sich mit der pol­ni­schen Sprache und Le­ben­sart ver­traut ma­chen möchten, ei­niges zu bieten hat. Be­son­ders deut­lich wird dies abends, wenn sich ganz Krakau im Herzen der Stadt, rund um den Rynek trifft. Vom größten mit­te­lal­ter­li­chen Markt­platz der Welt aus ziehen sie in eine der zahl­rei­chen Bars, Res­tau­rants und Clubs. Die Musik schallt aus dem Boden ent­lang der Häu­ser­reihen hervor, denn viele der Dis­ko­theken be­finden sich in Gemäuern und Kel­ler­gewölben unter der Erde. Man­ches mal be­merkt man erst beim Be­treten eines Hin­te­rhofes oder einer kleinen Gasse, dass sich hier ein wei­terer Club vers­teckt.

Doch auch tag­süber ist die Stadt le­bendig. „Krakau ist die Nummer eins“, sagt To­masz. Er sitzt in einem der Stu­den­ten­cafés im Zen­trum. Über ihm hängen Bar­bie­puppen an einer Schnur auf­ge­reiht von der Decke, oran­gene Lampen ma­chen es gemüt­lich. „Dann kommen Breslau und Posen. Diese Städte sind be­reits im Kommen. Einmal werden auch sie für die Men­schen so an­zie­hend sein wie Krakau.“ To­masz stu­diert In­for­matik an der tra­di­tions­rei­chen Ja­giel­lonen-Uni­ver­sität, die be­reits 1364 ge­gründet wurde. Sie zählt heute ca. 46 000 Stu­die­rende und gilt als die beste Uni­ver­sität Po­lens. Ins­ge­samt stu­dieren in Krakau ca. 150 000, die ein Fünftel der Ein­wohner aus­ma­chen.

Dass je­doch nicht nur Polen von Krakau fas­zi­niert sind, zeigt die hohe An­zahl auslän­di­scher Stu­die­render. Die Mi­schung aus pol­ni­scher Tra­di­tion und dem Ein­fluss an­derer Länder ver­leiht der Stadt ihre Di­ver­sität. Ent­gegen der der­zei­tigen oft­mals anti- eu­ropäi­schen Stim­mung ist sie Spie­gel­bild einer jungen Ge­ne­ra­tion, die sich ein Leben ohne Eu­ropa und ins­be­son­dere die EU nicht mehr vors­tellen kann. Sie pro­fi­tiert von der Ver­net­zung der eu­ropäi­schen Länder, die be­son­ders durch die Bil­dung­sins­ti­tu­tionen ge­tragen und vo­ran­ge­trieben wird. Schü­le­rinnen und Schüler ma­chen Aus­tau­sche mit Schulen in an­deren EU-Staaten, Stu­die­rende ab­sol­vieren Aus­land­sau­fen­thalte an Part­ne­ru­ni­ver­sitäten und auch die Mo­bi­lität des Lehr­per­so­nals wird ermö­glicht. Dabei helfen von der EU ge­grün­dete Pro­gramme wie das Erasmus-Pro­gramm und wei­tere Ini­tia­tiven wie der DAAD, bi­la­te­rale Ab­kommen wie die deutsch-franzö­si­sche Hoch­schule oder re­gio­nale Pro­gramme, bei­spiels­weise die GFPS (Ge­mein­schaft für stu­den­ti­schen Aus­tausch in Mittel- und Os­teu­ropa). Bil­dung ist dem­nach ein wich­tiger Motor für die eu­ropäi­sche In­te­gra­tion.

Dass immer mehr deut­sche Stu­die­rende von dieser Ver­net­zung Eu­ropas pro­fi­tieren möchten, zeigen die Sta­tis­tiken. Die An­zahl derer, die zu­min­dest einen Teil ihres Stu­diums im Aus­land ab­sol­vieren, ist ins­ge­samt über die Jahre ges­tiegen. In Polen haben dem sta­tis­ti­schen Bun­de­samt zu­folge 1999 noch 147 Deut­sche stu­diert, zehn Jahre später waren es 630. Durch das be­liebte Erasmus-Pro­gramm der EU wurden davon 582 geför­dert, also ein Groß­teil der Be­trof­fenen. Die Ver­net­zung der eu­ropäi­schen Länder un­te­rei­nander und die wach­sende Be­reit­schaft der Stu­die­renden, einen Aus­land­sau­fen­thalt zu ab­sol­vieren, gehen einher mit den Er­war­tungen an Be­werber fürs Mas­ters­tu­dium und an Be­ruf­seins­teiger. In vielen Be­rei­chen werden Aus­land­ser­fah­rungen nicht-tou­ris­ti­scher Art sowie Spra­ch­kennt­nisse vo­raus­ge­setzt. Dabei gelten Spra­ch­kennt­nisse über das En­gli­sche hi­naus als großes Plus. Ge­rade Kennt­nisse auße­rhalb des En­gli­schen oder der ro­ma­ni­schen Spra­chen werden immer ge­fragter, v.a. im Zuge der EU-Er­wei­te­rung.

Auch wenn die Zahlen zeigen, dass das In­te­resse für den os­teu­ropäi­schen Staat wächst, sind sie je­doch nicht mit denen wes­teu­ropäi­scher Staaten zu ver­glei­chen. Im Ver­gleichs­jahr 2009 waren bei­spiels­weise 6213 deut­sche Stu­die­rende an Uni­ver­sitäten in Fran­kreich, in Spa­nien 1970, in Ita­lien 1580. Die Gründe dafür, dass so viele Stu­die­rende es immer noch be­vor­zugen in wes­teu­ropäi­schen EU-Län­dern zu stu­dieren, liegen si­cher ei­ner­seits in spra­chli­chen Sch­wie­rig­keiten, an­de­rer­seits in der kul­tu­rell-ges­chicht­li­chen „Ferne“, die viele noch mit Os­teu­ropa ver­binden. Die pol­ni­sche Sprache zählt zu den sch­wersten der Welt. Zudem sind die klas­si­schen Fremd­spra­chen, die an deut­schen Schulen un­ter­richtet werden En­glisch, Franzö­sisch, Spa­nisch, manchmal Rus­sisch. Wer be­son­ders sprach­mo­ti­viert ist, kann an man­chen Schulen darüber hi­naus Spra­chen wie Ita­lie­nisch, Chi­ne­sisch oder Ja­pa­nisch lernen. Pol­nisch bleibt je­doch auf ge­samt­deut­scher Ebene eine Sel­ten­heit. Wer eine Fremd­sprache lernt, kommt auch der Kultur des Landes näher, lernt diese zu vers­tehen und fühlt sich we­niger fremd. Dieses Gefühl der „Fremd­heit“ ist ins­be­son­dere durch die Ges­chichte des Ei­sernen Vo­rhangs bes­timmt, der die BRD jahr­zehn­te­lang von Polen und den an­deren os­teu­ropäi­schen Staaten trennte.

Es ist den­noch von Vor­teil, we­nig­stens über Grund­kennt­nisse der pol­ni­schen Sprache zu verfügen, wenn man in Polen, bei­spiels­weise in Krakau, stu­dieren möchte. Und wer einmal dort war, ist meist be­geis­tert von der Schön­heit der Stadt, der Freund­li­ch­keit und Gast­freund­schaft der Men­schen und dem jungen, le­ben­digen Leben auf den Straßen. So er­ging es auch To­masz' Freundin Ka­ro­lina, die urs­prün­glich aus Berlin stammt. Sie hatte ei­gent­lich nur einen sechs­mo­na­tigen Erasmus-Au­fen­thalt in Krakau ge­plant und bleibt nun doch für ihr ge­samtes Mas­ters­tu­dium dort. Ka­ro­lina stu­diert eben­falls an der Ja­giel­lonen-Uni­ver­sität und macht dort einen Master in Eu­ro­pas­tu­dien. Al­lein der Charme der Uni­ver­sität und ihrer in der Stadt ver­teilten Gebäude haben es ihr an­getan. Un­weit vom Rynek be­findet sich das äl­teste Gebäude der Uni­ver­sität, das Col­le­gium Maius. Es ist aus roten Back­steinen ge­baut, um einen Ar­ka­denhof herum, in der Mitte steht ein Brunnen. Die Ar­chi­tektur erin­nert an Klos­ter­bauten mit ihren Gärten und In­nenhöfen. Tatsä­chlich sind viele der Uni­ver­sitäts­gebäude in diesem Stil erhalten, so auch das Col­le­gium Iu­ri­dium oder das Col­le­gium Novum.

An der Uni­ver­sität hat Ka­ro­lina auch ihre Kon­takte auf der Suche nach einem WG-Zimmer geknüpft. Nun wohnt sie in einer Stu­denten-WG, wo sie auch To­masz ken­nen­ge­lernt hat. Das Wohnen mit an­deren Stu­die­renden aus Krakau hat ihr dabei ge­holfen, sich in das Leben dort zu in­te­grieren. Ka­ro­linas großer Vor­teil: Sie ist zwar in Berlin auf­ge­wachsen, hat je­doch pol­nischstäm­mige El­tern. Da­durch ist sie zweis­pra­chig groß ge­worden und musste kei­nerlei Sprach­bar­rieren über­winden. Auch wenn viele Polen, be­son­ders die junge Ge­ne­ra­tion, gut En­glisch spre­chen: Die Un­ter­richtss­prache der meisten Kurse ist Pol­nisch und auch für die In­te­gra­tion in das All­tag­sleben ist es wie in jedem Land ratsam, sich in der Lan­dess­prache aus­zu­kennen.

Auch die nie­drigen Le­ben­shal­tungs­kosten sind für viele auslän­di­sche Stu­die­rende ein Grund, ein os­teu­ropäi­sches Land für ihren Stu­die­nau­fen­thalt zu wählen. Für ihr Zimmer in einer Stu­denten-WG zahlt Ka­ro­lina 850 złoty, also um­ge­rechnet ca. 190 Euro. Stu­die­rende, die im Stu­den­ten­wohn­heim, aka­demik, wohnen zahlen noch we­niger, ca. 350 złoty. Dort wohnen sie dann al­ler­dings oft zu zweit oder dritt in einem Zimmer. Doch meist gilt dies nur für Men­schen, die aus den west­li­chen In­dus­trielän­dern stammen. Für Polen zählt Krakau nicht zu den güns­tigen Städten. Der Markt­platz und das um­lie­gende Zen­trum sind sehr gut erhalten, hier spielt sich das wirt­schaft­liche Leben ab. Meh­rere Luxusläden prägen hier unter an­derem das Stadt­bild. Der Schein mag je­doch an­fangs trügen, da diese v.a. für die Tou­risten bes­timmt sind. Ein durch­sch­nit­tli­cher pol­ni­scher Stadt­be­wohner kann sich die teure Ware nicht leisten. Ent­fernt man sich vom Zen­trum, bei­spiels­weise in das im süd­li­chen Krakau ge­le­gene Podgórze, fällt die Armut und Bes­chei­den­heit der dor­tigen Be­wohner im Un­ter­schied zum tou­ris­ti­schen Zen­trum auf. Hier sind die Häuser grau und oft schlecht erhalten. Es ist dre­ckiger und nur we­nige Men­schen be­ge­gnen einem auf der Straße. Die wei­taus güns­ti­geren Mieten ziehen viele in um­lie­gende Viertel wie Podgórze, eine Woh­nung im Zen­trum können die we­nig­sten be­zahlen.

Das än­dert je­doch nichts daran, dass Krakau be­liebt ist- bei Polen ebenso wie bei Men­schen aus an­deren Län­dern. Die Stadt ist ein Bei­spiel dafür, dass sich die west­li­chen und öst­li­chen Staaten Eu­ropas im Zuge der eu­ropäi­schen In­te­gra­tion an­genä­hert haben und weiter zu­sam­men­wachsen. Be­son­ders bei den jungen Men­schen steigt das In­te­resse für den eu­ropäi­schen Nach­barn. So ist Krakau zu­min­dest mit Blick auf Bil­dung­spo­litik und Kultur ein po­si­tives Bei­spiel auf dem Weg zur eu­ropäi­schen In­te­gra­tion. In der alltä­gli­chen Dis­kus­sion, die der­zeit v.a. von der Schul­den­krise bes­timmt wird, finden diese Ent­wi­ck­lungen Eu­ropas wenig Platz. Ge­rade in Zeiten der Krise scheint es je­doch wichtig, sich auch über die po­si­tiven Ent­wi­ck­lungen, die für viele unter uns schon zum Alltag gehören, be­wusst zu werden. Bei all den der­zei­tigen Äng­sten und Un­si­che­rheiten ist Krakau doch ein Bei­spiel für die Idee, die Eu­ropa zu­grunde liegt: Die Be­wah­rung der Di­ver­sität bei glei­ch­zei­tigem Zu­sam­men­wachsen. Denn die Mi­schung macht's!

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